• 14.06.2018
      05:15 Uhr
      Michail Gorbatschow Weltveränderer und Privatmann | PHOENIX
       

      Er läutete das Ende des Kalten Krieges ein, ließ den Eisernen Vorhang fallen und ermöglichte die deutsche Einheit: Michail Gorbatschow. Im ZDF-Interview spricht er über sein Leben und einen Jahrhundertsatz, der so nie gefallen ist.

      Donnerstag, 14.06.18
      05:15 - 06:00 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      Stereo

      Er läutete das Ende des Kalten Krieges ein, ließ den Eisernen Vorhang fallen und ermöglichte die deutsche Einheit: Michail Gorbatschow. Im ZDF-Interview spricht er über sein Leben und einen Jahrhundertsatz, der so nie gefallen ist.

       

      Er läutete das Ende des Kalten Krieges ein, ließ den Eisernen Vorhang fallen und ermöglichte die deutsche Einheit: Michail Gorbatschow. Im ZDF-Interview spricht er über sein Leben und einen Jahrhundertsatz, der so nie gefallen ist.

      Als er im März 1985 an die Spitze des sowjetischen Imperiums gelangte, zu dem damals auch die DDR als sozialistischer "Bruderstaat" gehörte, ahnte niemand, dass die Sowjetunion binnen weniger Jahre kollabieren würde. Michail Gorbatschow wollte mit seinen Reformen das Sowjetreich erneuern, nicht abschaffen. Die DDR sah er sogar als den wichtigsten Verbündeten an.

      Doch bei seinem Besuch in Ost-Berlin anlässlich des 40. Staatsjubiläums der DDR brachte Gorbatschow das dortige Regime weiter ins Wanken – wenn auch ungewollt. "Ich glaube, Gefahren warten nur auf jene, die nicht auf das Leben reagieren", sagte er an seinem ersten Besuchstag im Oktober 1989 öffentlich. Die Worte wurden als Warnung an die DDR-Führung interpretiert und wurden eine Art Ikone der Wendezeit.

      Der legendäre Satz "Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben" ging erst am nächsten Tag, dem 7. Oktober 1989, nach einem Besuch Gorbatschows im Politbüro und bei dessen Chef Erich Honecker um die Welt. Er ermutigte viele DDR-Bürger zum Protest gegen Honeckers Regime - obwohl Gorbatschow den Satz anders als häufig behauptet so nie formuliert hat.

      Zitiert wurde nämlich aus einem Gespräch hinter verschlossenen Türen – erst in der anschließenden Pressekonferenz verhalf Gorbatschows Sprecher Gennadi Gerassimow dem Satz zur Weltpremiere. Er findet sich zwar so nicht im Protokoll, wurde aber von Gerassimow gesagt und vom Dolmetscher korrekt übersetzt. Nun gingen die Worte um die Welt. Der Satz wurde als Kritik an Honecker aufgenommen, tatsächlich aber hatte sich Gorbatschow selbstkritisch Richtung Moskau geäußert.

      Das belegen der Kontext sowie der Folgesatz. Im Protokoll steht: "Aus diesem Grund haben wir den Termin für den 28. Parteitag der KPdSU vorgezogen". Genau das trug der Kreml-Sprecher auch vor. Allerdings übersetzte der Dolmetscher den Satz zum vorgezogenen Parteitag ungenau. "Wenn wir uns verspäten, werden wir bestraft. (äh, äh) In diesem Sinne, wie Sie wissen, bereiten wir unseren Parteitag vor."

      Der Ausspruch sei keineswegs als Ermahnung an Honecker gedacht gewesen, erklärt Gorbatschow im ZDF-Interview. "Ich traf mich mit den SED-Politbüro-Mitgliedern. Ich habe sie aber nicht kritisiert. Das wäre unanständig und falsch gewesen. Ich begann über die Perestroika zu sprechen, auch über die Diskussionen darüber in der sowjetischen Führung. Ich sagte, dort, wo wir zu spät gekommen sind, haben wir auch verloren", stellt er klar. "Deshalb: Wer zu spät kommt, der verliert. Und so nahm der Satz dann seinen Lauf." Er habe sich selbstverständlich nicht erlaubt, Forderungen zu stellen. "Auf keinen Fall", betont Gorbatschow.

      Die Gesprächsprotokolle bestätigen seine Aussagen zum legendenumwobenen Ausspruch. Sie liegen in der Gorbatschow-Stiftung in Moskau – im Kapitel mit der Überschrift "Gespräch mit den Politbüromitgliedern des Zentralkomitees der SED am 7. Oktober 1989" findet sich der vielzitierte Satz. "Wenn wir zu spät kommen, bestraft uns das Leben." Die Wörter "wir" und "uns" bezieht Gorbatschow dabei eindeutig auf die sowjetische Führung, nicht auf die deutschen Genossen.

      Film von Ignaz Lozo

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programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 18.06.2018