• 12.01.2021
      06:45 Uhr
      Superhelden Parzival | phoenix
       

      In Wolfram von Eschenbachs Parzival-Epos wuchs der Titelheld ohne Kenntnis seiner adligen Abstammung in der Wildnis auf. Als er Rittern begegnete, machte er sich auf die Reise, selbst ein Ritter zu werden. Sie führte ihn auf die Gralsburg, wo ein neuer Gralskönig gesucht wurde. Doch Parzival stellte nicht die alles entscheidende Frage, die die Gralsgemeinschaft erlöst und ihn als würdigen Nachfolger für Anfortas erwiesen hätte.

      Dienstag, 12.01.21
      06:45 - 07:30 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      Stereo

      In Wolfram von Eschenbachs Parzival-Epos wuchs der Titelheld ohne Kenntnis seiner adligen Abstammung in der Wildnis auf. Als er Rittern begegnete, machte er sich auf die Reise, selbst ein Ritter zu werden. Sie führte ihn auf die Gralsburg, wo ein neuer Gralskönig gesucht wurde. Doch Parzival stellte nicht die alles entscheidende Frage, die die Gralsgemeinschaft erlöst und ihn als würdigen Nachfolger für Anfortas erwiesen hätte.

       

      Der Roman über den unbedarften Helden Parzival, der erst lernen muss, einer zu sein, spielt in der gewaltsamen Welt der Ritter. Das Werk ist die ebenso humorvolle wie tiefsinnige Antwort auf die verheerenden Verhältnisse im Römisch-Deutschen Reich zur Zeit der Kreuzzüge.

      Wolfram von Eschenbach hat den Ritterroman über den "tumben Thor" Parzival um 1200 verfasst. Er ist zwar nicht der Erfinder der Figur - das war der Franzose Chrétien de Troyes - doch hat er die Geschichte des schönen, aber unbesonnenen Helden weitergesponnen und zu einem Bestseller gemacht. Mit fast 25.000 Versen ist "Parzival" das längste deutsche Erzählwerk seiner Zeit, mit über 100 Abschriften auch eines der beliebtesten im Mittelalter. Das liegt vor allem an den Themen, die der Dichter anspricht: Wolfram von Eschenbach geht es um ritterliche Wertevorstellungen, vorbildliche Herrscher und um die für ihn wichtigste christliche Tugend - Mitgefühl.

      Parzivals Abenteuer beginnen mit seinem Entschluss, Ritter von König Artus und seiner Tafelrunde zu werden. König Artus und seine Getreuen verkörpern im Mittelalter das ideale höfische Rittertum. Sie kämpfen für Kirche und Vaterland, beschützen die Schwachen und sorgen für die öffentliche Sicherheit. In "Parzival" aber hat der Vorzeigehof seinen guten Ruf verspielt. Es herrscht Chaos und Streit, selbst der gerechte Artus handelt aus Willkür und Selbstsucht.

      Das Gegenmodell zum höfischen Rittertum der Artusrunde ist die geheimnisvolle Gralsgesellschaft. Ihre Regeln gibt der Gral vor. Sie sind so streng und starr, dass kein Mensch sie einhalten kann. Im Roman ist es der Gralskönig, der versagt und damit den Fortbestand der Gesellschaft in Gefahr bringt. Wolfram von Eschenbach entwirft die religiöse Gemeinschaft nach dem Vorbild der christlichen Ritterorden, die zur Zeit der Kreuzzüge entstehen. Im Namen Gottes ziehen sie als Soldaten Christi ins Heilige Land gegen die Muslime. Aber nicht nur die heilige Sache treibt die Ritter in den Kampf, sondern auch die Aussicht auf reiche Beute und Herrschaftsgebiete im Orient.

      Wer sich hinter der Gralsgesellschaft und ihrem Anführer Anfortas verbergen könnte, versucht der Film aufzuzeigen. Die Spur führt nach Spanien und zu den Tempelrittern, die nicht nur im Zusammenhang mit der Legende um den Heiligen Gral, sondern auch bei der Rückeroberung der von Muslimen besetzten Gebiete Spaniens eine wesentliche Rolle gespielt haben.

      Im Roman lernt Parzival beide Ritterwelten kennen. Er, der nichts von höfischen Sitten, ritterlichen Idealen und den Lehren der Kirche weiß und sie erst mühsam kennenlernen muss, wird nach harten Prüfungen schließlich zum Hoffnungsträger der christlichen Gesellschaft. Mit einer einzigen Heldentat, die darin besteht, menschliches Mitgefühl zu zeigen, kann er die Gemeinschaft vom Leid erlösen.

      Die Geschichte spiegelt die Ordnung in Europa um 1200 wider, mit all ihren Werten, Tugenden und Vorstellungen, aber auch Konflikten, Kriegen und Fehden. In einer Zeit des Umbruchs ist der Roman nicht nur eine kritische Auseinandersetzung mit den historischen Ereignissen jener Epoche, sondern auch die Suche nach einem neuen Selbstverständnis des Ritterstands. Als Wolfram von Eschenbach seinen Roman vollendet, sind die Kreuzzüge im Heiligen Land gescheitert und der deutsche Thronstreit im Römisch-Deutschen Reich gerade zu Ende. Die Menschen wünschen sich Frieden und Sicherheit. Parzival erfüllt die Sehnsucht nach einem Friedensstifter - das macht ihn zum Publikumsliebling im Mittelalter und darüber hinaus.

      Film von Judith Voelker

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