• 15.03.2018
      02:15 Uhr
      Die Putin-Matrix Russland vor der Präsidentschaftswahl | PHOENIX
       

      Wladimir Putin hat über 18 Jahre hinweg ein stabiles Herrschaftssystem aufgebaut, das ihm jetzt die Wiederwahl als russischer Präsident garantiert. Sein einziger ernsthafter Widersacher ist das Desinteresse der russischen Bevölkerung. Sie hat längst erkannt, dass zwar gewählt wird, der Sieger aber längst feststeht. Schon bei der Duma-Wahl blieben die meisten Russen zuhause. Eine niedrige Wahlbeteiligung aber könnte Putins Verbleib an der Macht den gewünschten Glanz nehmen.

      Nacht von Mittwoch auf Donnerstag, 15.03.18
      02:15 - 03:15 Uhr (60 Min.)
      60 Min.
      VPS 02:14
      Stereo

      Wladimir Putin hat über 18 Jahre hinweg ein stabiles Herrschaftssystem aufgebaut, das ihm jetzt die Wiederwahl als russischer Präsident garantiert. Sein einziger ernsthafter Widersacher ist das Desinteresse der russischen Bevölkerung. Sie hat längst erkannt, dass zwar gewählt wird, der Sieger aber längst feststeht. Schon bei der Duma-Wahl blieben die meisten Russen zuhause. Eine niedrige Wahlbeteiligung aber könnte Putins Verbleib an der Macht den gewünschten Glanz nehmen.

       

      Wladimir Putin hat über 18 Jahre hinweg ein stabiles Herrschaftssystem aufgebaut, das ihm jetzt die Wiederwahl als russischer Präsident garantiert. Sein einziger ernsthafter Widersacher ist das Desinteresse der russischen Bevölkerung. Sie hat längst erkannt, dass zwar gewählt wird, der Sieger aber längst feststeht. Schon bei der Duma-Wahl blieben die meisten Russen zuhause. Eine niedrige Wahlbeteiligung aber könnte Putins Verbleib an der Macht den gewünschten Glanz nehmen.

      Putin hat noch ein Problem. Als er zur Millenniums-Wende an die Macht kam explodierten die Ölpreise förmlich. Trotz Korruption und Vetternwirtschaft sickerten ausreichend viele Rubel in Unterschicht und Mittelstand, um alle an diesen ungeschriebenen Vertrag mit Putin glauben zu lassen: Mehr Wohlstand im Tausch gegen demokratische Freiheiten. Das ging lange gut. Doch mit Energiepreisverfall, Rubel-Absturz, Gegensanktionen auf westliche Lebensmittel und Industrieverfall sanken die Reallöhne spürbar. Die Russen spüren die Krise, leben schlechter. Löhne bleiben aus. In den Regionen demonstrieren die Menschen.

      Jetzt, vor der Präsidentschaftswahl, ist der Kreml zunehmend nervös und zieht alle Register. Patriotismus, Propaganda, Paranoia haben Hochkonjunktur. Zehn Putin-treue TV-Kanäle zeigen, dass das Land von äußeren Feinden umstellt ist: Unschuldige Sportler werden wegen Dopings gebannt, der Westen will Moskau mit Sanktionen auf die Knie zwingen, die aggressive NATO rückt immer näher.

      Gegen diese Gefahren stemmt sich, wie ein sicheres Bollwerk: Wladimir Putin. Die Nachrichtensendungen zeigen ihn täglich als besorgten Landesvater, der dem Land eine sichere und große Zukunft verspricht. Energisch, wehrhaft, klug. "Putin ist Russland" sagt sogar ein prominenter Politiker. Wer Putin kritisiert, wird schnell zum Vaterlandsverräter. Eine Studentin bedauert vor der ARD-Kamera, dass sich Putin überhaupt noch dieser Wahlprozedur unterziehen muss. Er sei doch der einzige würdige Führer des Landes ...
      Doch die Perfektion des Putin-Kults verdeckt nur, dass das Land immer tiefer in einer strukturellen Krise steckt.

      Die Autoren Birgit Virnich, Golineh Atai und Udo Lielischkies zeigen in dieser Reportage, unter welchen enormen inneren Spannungen Russland dem vierten Wahlsieg Putins entgegengeht. "Brain-Drain", die Auswanderung der gebildeten Eliten. Die Industrie verfällt weiter, der Mittelstand erodiert, die Armut nimmt zu. Im russischen Jahr der Umwelt wird Russlands Umweltverschmutzung eher schlimmer, Moskau droht der Müll-Kollaps. Wer Kritisches anspricht wird schnell kaltgestellt. Schüler, die protestieren, fliegen von der Schule. Historiker, die Heldengeschichten widerlegen, werden bedroht. Ein Mann, der Stalins Opfer exhumiert, wird angeklagt. Ein Oppositions-Aktivist wird ermordet. Die Repression nimmt zu.

      Während die Putin-Auftritte in den Fernsehnachrichten eine moderne Nation präsentieren, Militär, Wissenschaft und Gesellschaft auf dem Weg in die Zukunft, wird jede Reise der drei Autoren in die russische Wirklichkeit zu einer ernüchternden Erfahrung. In Süd-Russland, irgendwo zwischen Sotschi und Krasnodar, versorgt eine rostige Schmalspurbahn die Dörfer in den Bergen mit Lebensmitteln, Brot, Zeitungen und Post. Es gibt hier keine Straßen mehr. Die Bahn heißt "Matriza". Auch die Kinder aus den entlegenen Dörfern fahren mit der "Matriza" nach Otdolonnij, dem Dorf "Abgeschieden". Drei Viertel aller Häuser stehen leer, Schweine streunen über die lehmigen Dorfwege, die hölzernen Hängebrücken sind verfallen.

      Zum Friedhof, wo ihre Eltern begraben liegen, kann Olga nicht mehr: Diese Brücke über den Fluss ist abgerissen, das Wasser ist im Winter eiskalt. Trotzdem sind die Verkäuferinnen, die im Dorfladen ein paar Konservendosen und alte Würste feilbieten, beim Thema Präsidentschaftswahl eindeutig. "Natürlich Putin. Er hat Russland doch wieder groß gemacht".

      Das ist die Putin-Matrix. Ein Land versucht, seine Verletzungen, Traumata, seine Unsicherheiten, Minderwertigkeitsgefühle, seine beinahe historischen Selbstzweifel dem Westen gegenüber, zu heilen. Mit dem Glauben an Putins Heilsversprechen vom großen, stolzen Russland.

      Russland vor der Wahl - das ist ein Land voller Hoffnungen und Ängste, voller Widersprüche, Ungereimtheiten, Absurditäten, mal zynisch und mal naiv, aber: Nie langweilig.

      Film von Udo Lielischkies, Birgit Virnich und Golineh Atai

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programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 24.05.2018