• 10.04.2018
      05:15 Uhr
      Das rote Reservat Indianerkult in der DDR | PHOENIX
       

      Erst waren sie nur ein Kuriosum, dann gerieten sie ins Visier der Staatssicherheit. Die Indianervereine in der DDR hatten mehrere tausend Mitglieder, die in exotischen Kostümen und selbstgebauten Tipis ihre Freizeit verbrachten. Ein Hauch von Freiheit und Wildem Westen, der bis tief nach Sachsen und Thüringen wehte, aber von den Machthabern stets misstrauisch beäugt wurde. Die Ost-Indianer waren einfallsreich: Indem sie die Indianer zu den ersten Opfern des `US-Imperialismus` erklärten, fanden sie eine offiziell anerkannte Legitimation für ihr ungewöhnliches Hobby. Allerdings blieb der Staat den Rothäuten gegenüber skeptisch.

      Dienstag, 10.04.18
      05:15 - 05:40 Uhr (25 Min.)
      25 Min.
      Stereo

      Erst waren sie nur ein Kuriosum, dann gerieten sie ins Visier der Staatssicherheit. Die Indianervereine in der DDR hatten mehrere tausend Mitglieder, die in exotischen Kostümen und selbstgebauten Tipis ihre Freizeit verbrachten. Ein Hauch von Freiheit und Wildem Westen, der bis tief nach Sachsen und Thüringen wehte, aber von den Machthabern stets misstrauisch beäugt wurde. Die Ost-Indianer waren einfallsreich: Indem sie die Indianer zu den ersten Opfern des `US-Imperialismus` erklärten, fanden sie eine offiziell anerkannte Legitimation für ihr ungewöhnliches Hobby. Allerdings blieb der Staat den Rothäuten gegenüber skeptisch.

       

      Erst waren sie nur ein Kuriosum, dann gerieten sie ins Visier der Staatssicherheit. Die Indianervereine in der DDR hatten mehrere tausend Mitglieder, die in exotischen Kostümen und selbstgebauten Tipis ihre Freizeit verbrachten. Ein Hauch von Freiheit und Wildem Westen, der bis tief nach Sachsen und Thüringen wehte, aber von den Machthabern stets misstrauisch beäugt wurde.

      Die Ost-Indianer waren einfallsreich: Indem sie die Indianer zu den ersten Opfern des "US-Imperialismus" erklärten, fanden sie eine offiziell anerkannte Legitimation für ihr ungewöhnliches Hobby. Allerdings blieb der Staat den Rothäuten gegenüber skeptisch. Viele Stämme wurden von der Stasi überwacht - und so mancher Häuptling war als IM tätig.

      Ein Schauspieler fachte den Indianerkult in der DDR besonders an: Gojko Mitic. Die DEFA drehte in den 60er und 70er Jahren Indianerfilme mit dem attraktiven Serben in der Hauptrolle. Ob als Chingachgook, Osceola oder Tecumseh, er begeisterte die Leute und war die Antwort des Ostens auf Pierre Brice. Gojko wurde als eine Art Nationalheld gefeiert mit Vorbildfunktion und Sex-Appeal. Durch diese Heldenverehrung war es für viele nur ein kleiner Schritt, selbst in Mokassins zu steigen und Indianer im Arbeiter- und Bauernstaat zu werden.

      Indianerkult lebt weiter: Und die Geschichte der ostdeutschen Indianer endete nicht mit dem Untergang des real existierenden Sozialimus. Für einige von ihnen ging nach der Wende endlich ein lang gehegter Traum in Erfüllung: mit den Blutsbrüdern in den USA die Friedenspfeife zu rauchen. Und selbst wenn romantische Vorstellungen der dortigen Realität nicht standhielten und so mancher enttäuscht zurückkehrte, hat das der Bewegung keine Abbrüche getan. Zumindest in Ostdeutschland ist die Indianderkultur nicht vom Aussterben bedroht.

      In Brandenburg etwa treffen sich die Indianervereine regelmäßig noch heute. In Gruppen sitzen sie um Trommeln und singen die alten Lieder der nordamerikanischen Prärie-Indianer. Der Indianer-Verein Hohen Neuendorf lädt seine befreundeten Clubs ein - in eine brandenburgische Kleinstadt nahe Berlin. Alle fünf Jahre treffen sich hier Indianer-Fans aus Ostdeutschland zum sogenannten "Powwow" - einem indianischen Tanzfest.

      Im Visier der Stasi: Die Wildwest-Szene in der DDR wuchs vor allem in den Siebziger Jahren und trieb seltsame Blüten: Als Folklore-Kollektive traten die Ost-Indianer auf FDJ-Veranstaltungen auf, ganze Stämme pilgerten zur Karl May Villa Büffelfett in Radebeul, und zu Zeltlagern trafen sie sich zu Tausenden. Mit dem Trabi ging es über das Wochenende ins Tipi - und so mancher Indianer wollte gar nicht mehr in den realsozialistischen Alltag zurückkehren.

      Die Indianer-Kommunen, die sich vor allem in den achtziger Jahren bildeten, waren vom wachsenden Öko-Bewusstsein beeinflusst und suchten nach neuen Lebensformen. Durch die Indianergemeinschaft zog sich ein Riss: Linientreue Häuptlinge und junge wilde Indianer trafen aufeinander - in den Stämmen spiegelten sich auch die gesellschaftlichen Verhältnisse in der DDR wieder.

      "DDR-Chefindianer" im Westen: Mit der Wende erfüllte sich dann für viele ein lang gehegter Traum: Die Möglichkeit nach Amerika zu reisen und mit den roten Blutsbrüdern die Friedenspfeife zu rauchen und über Indianerthemen zu fachsimpeln. Und spätestens als ihr Held Gojko Mitic in Bad Segeberg als Winnetou aufsattelte, war die ostdeutsche Indianerbewegung endgültig im Westen angekommen.

      Ein Film von Sascha Schmidt und Bernd Reufels

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