• 24.11.2022
      22:20 Uhr
      Panorama Berichte - Analysen - Meinungen | Das Erste Mediathek
       

      Themen:

      • Menschenzoo: Hagenbecks dunkles Erbe
      • Lithium: Der Traum vom sauberen Auto

      Donnerstag, 24.11.22
      22:20 - 22:50 Uhr (30 Min.)
      30 Min.

      Themen:

      • Menschenzoo: Hagenbecks dunkles Erbe
      • Lithium: Der Traum vom sauberen Auto

       

      Stab und Besetzung

      Moderation Anja Reschke
      • Menschenzoo: Hagenbecks dunkles Erbe

      "Fremde" Menschen wurden neben Tieren im Zoo ausgestellt, sie wurden vermarktet als "wilde Kämpfer" aus Afrika, als "Kannibalen der Südsee", als primitive Urmenschen aus Südamerika: Von Ende des 19. Jahrhunderts bis Anfang der 1930er-Jahre zogen die sogenannten Völkerschauen ein Millionenpublikum an. Der Hamburger Tierpark Hagenbeck war europaweit im Menschenzoo-Geschäft führend. Eine öffentliche Aufarbeitung dieses Kapitels der kolonialen Geschichte verweigert die Eigentümer-Familie Hagenbeck jedoch bis heute.

      Es war die zentrale Rechtfertigung des Kolonialismus: Die weißen Europäer sahen sich als anderen Kulturen zivilisatorisch überlegen, die als wild, primitiv, naturnah und damit unterlegen betrachtet wurden. Daraus leitete man das Recht ab, andere Menschen zu unterdrücken, über sie zu herrschen und sie auszubeuten. Die Menschenzoos haben beim Publikum damals genau dieses Selbstbild der eigenen Überlegenheit bestätigt und weiter verbreitet, sagt Historiker Professor Jürgen Zimmerer, der an der Universität Hamburg die Forschungsstelle (post-)koloniales Erbe leitet. "Man stellt Menschen in einer bewusst primitiv inszenierten Umgebung und Pose aus", sagt Zimmerer. "Und dadurch wird ein Menschenbild des Afrikaners, der Afrikanerin oder aus der Südsee als völlig anders und als zurückgeblieben und primitiv transportiert."

      Dabei zeigen Briefe, die Panorama vorliegen, wie demütigend die Menschen diese Praxis empfanden. Eine Gruppe vom Volk der Kanak, die aus Neukaledonien stammte - damals eine Kolonie Frankreichs in der Südsee - , wurde 1931 von Hagenbeck wahrheitswidrig als Gruppe von "Kannibalen" vermarktet. Sie beschwerten sich in Briefen, schrieben, sie müssten jeden Tag stundenlang barfuß und kaum bekleidet tanzen, auch bei Regen. "Hier in Hamburg […] werden wir grob wie Sklaven behandelt und werden immer und überall beobachtet. (…) Wir wollen nicht länger hierbleiben." In einem weiteren Brief kritisieren sie, sie müssten "fast nackt" auftreten, es sei ihnen verboten, in Hose und Mantel und mit Schuhen zu tanzen. Es ist für sie eine demütigende Inszenierung, "…um die Besucher glauben zu machen, dass wir Wilde sind und keine Europäer unter Gleichen."

      Der französische Fußballspieler Christian Karembeu ist Urenkel eines Mannes, der damals bei Hagenbeck als Kannibale ausgestellt wurde. Er mahnte schon vor einem Jahr an, der Tierpark solle seine Geschichte aufarbeiten, sich seiner Vergangenheit stellen: "Ich denke, es geht darum, die Geschichte zu erzählen, wie sie war. Und dann ist auch alles verziehen."

      Doch Hagenbeck schweigt sich dazu konsequent aus, dabei hatte man vor zwei Jahren nach Protesten selbst eine kritische Aufarbeitung angekündigt. Wiederholt hat Panorama bei Hagenbeck angefragt. Es gibt kein Interview zum Thema, keine Antworten auf viele Fragen. Der Tierpark verweist immer wieder auf das gleiche schriftliche Statement. Darin heißt es: Die Menschen "arbeiteten als Darsteller mit Verträgen und Gage für Hagenbeck". Carl Hagenbeck habe die Teilnehmer der Völkerschauen "als Gäste" gesehen und nie misshandelt. Dessen Urenkel und heutiges Familienoberhaupt Claus Hagenbeck lehnt ein Interview ebenfalls ab. Dabei hat sich Claus Hagenbeck in der Vergangenheit durchaus zu dem Thema geäußert. Kritisch sieht er sie offenbar nicht: In einer Dokumentation aus dem Jahr 2020 sagt Claus Hagenbeck: "Völkerschauen waren ja eine Kunstform. Es wurden ja nicht Sklaven hier nach Europa geholt, sondern es waren Gaukler, die in ihrem Heimatland gegaukelt haben."

      In einem früheren TV-Statement aus dem Jahr 2003 räumte er indirekt eine Inszenierung der ausgestellten Menschen als Wilde ein. Berichtet, offenbar amüsiert: "Was die Veranstalter nicht gerne sahen, war, dass die Eingeborenen in Anführungsstrichen, die sich ja hier präsentierten als wilde Menschen, dass die sich abends Schlips und Kragen umbanden und nach St. Pauli zum Tanzen gingen. Das war nicht gerne gesehen, weil dann ja der Nimbus d

      er Wilden, Fremden etwas aufgelöst wurde."

      • Lithium: Der Traum vom sauberen Auto

      Damit Autos sauber werden, soll der Verbrennermotor durch elektrische Antriebe ersetzt werden. BMW verspricht, das Lithium für die Batteriezellen von einem besonders nachhaltigen Hersteller zu beziehen. Doch Panorama-Recherchen zeigen: Es gibt Zweifel. Das Verfahren und Auswirkungen auf die Umwelt sind wenig erforscht.

      Lithium gilt inzwischen als das weiße Gold der Energiewende. Vor allem der Bedarf der Automobilindustrie für E-Mobilität lässt die Nachfrage nach dem Alkalimetall explodieren. So hat sich der Preis für Lithiumcarbonat in den vergangenen beiden Jahren verfünfzehnfacht. Eine der größten Lagerstätten befindet sich in Südamerika, wo das Lithium aus Salzseen gewonnen wird. BMW behauptet, Lithium dort direkt von einem besonders nachhaltigen Hersteller zu beziehen: Livent. Im März 2021 schloss BMW einen Vertrag in Höhe von 285 Millionen Euro mit dem US-Konzern, der am Salar del Hombre Muerto, einem Salzsee in Argentinien, Lithium fördert.

      BMW behauptet in einer Pressemeldung zum Vertragsschluss, das Verfahren von Livent sei im Vergleich zum herkömmlichen Abbau von Lithium im Länderdreieck zwischen Argentinien, Bolivien und Chile "besonders nachhaltig". Livent verwende für den Lithiumabbau "ein innovatives Verfahren, das eine nachhaltige Wassernutzung gewährleistet und die Auswirkungen auf die lokalen Ökosysteme und Gemeinden minimiert", so BMW im März 2021.

      Tatsächlich klingt das Verfahren von Livent zunächst einmal vorbildlich. Die meisten Lithium-Minen in Südamerika lassen lithiumhaltiges Salzwasser unter Beigabe von Chemikalien verdunsten, bis das Lithium zurückbleibt. Livent verwendet stattdessen das "Direct Lithium Extraction"-Verfahren, ein Direktverfahren, bei dem das Salzwasser direkt in eine Aufbereitungsanlage gepumpt wird, wo das Lithium durch chemische Prozesse extrahiert wird. Ein Vorteil der Methode: Anders als bei den Verdunstungsverfahren etwa in der Atacama-Wüste von Chile müssen nicht unzählige Verdunstungsbecken geschaffen werden. Der Flächenverbrauch ist also bei der Direkt-Methode, die Livent nutzt, geringer. 

      Weniger nachhaltig ist das Direktverfahren im Vergleich zur herkömmlichen Verdunstungsmethode aber in Bezug auf den Süßwasserverbrauch. Das ergeben Recherchen von Panorama und STRG_F. Für die Produktion von einem Kilo Lithium verbraucht Livent laut Geschäfts- und Umweltverträglichkeitsberichten des Unternehmens knapp 900 Liter Süßwasser. Das ist mehr als fünf Mal so viel Süßwasser wie bei der Verdunstungsmethode am Atacama-Salzsee in Chile. Dort benötigt der chilenische Konzern SQM, basierend auf Zahlen ihres Nachhaltigkeitsberichts und eigenen Online-Monitorings, 173 Liter Süßwasser je Kilo.

      BMW entgegnet, man könne die Projekte nicht vergleichen. Am Salzsee Hombre Muerto, wo Livent Lithium abbaut gebe es mehr Niederschlag und verfügbare Wasserressourcen als am Atacama-Salzsee. Laut dem Aqueduct Water Risk Atlas des World Resources Institute liege die Mine von Livent sogar in einer Region mit "Low" Water Risk - der niedrigsten Kategorie. Was zunächst verwundert, denn die wüstenähnliche Gegend gilt als eine sehr trockene Region. Tatsächlich betrachtet der Risk Atlas aber Wasserressourcen in Bezug auf Wassernutzer, z.B. Bevölkerungsdichte. Demnach haben auch Teile der libyschen Wüste die niedrigste Kategorie, Ostfriesland gilt als risikoreicher, liegt in der 3. Kategorie.

      Für den Akku eines Elektro-SUVs werden mehrere Kilogramm Lithium benötigt, für den BMW iX M60 beispielsweise sogar rund zehn Kilogramm. Würde das Lithium komplett von Livent stammen, wären das fast 9.000 Liter Süßwasser.

      Román Guitian, Sprecher der indigenen Gemeinschaft "Atacameños del Altiplano", kritisiert den Süßwasserverbrauch von Livent in der Region. Livent habe für die Lithiumproduktion bereits in den 1990er-Jahren einen Staudamm an einem Fluss errichtet, der in der Folge unterhalb des Staudamms ausgetrocknet sei. Das habe verhee

      rende Folgen haben, etwa für die Viehzucht vor Ort. Guitian befürchtet, dass mit steigender Lithiumnachfrage auch der größte Fluss der Region austrocknen könnte. 

      BMW hebt demgegenüber Lithiumbeschaffer Livent für dessen Umgang mit dem Salzwasser unter den Salzseen positiv hervor. Tatsächlich wird bei der herkömmlichen Verdunstungsmethode das Salzwasser, auch Sole genannt, aus dem Untergrund der Salzseen gepumpt, bevor es in große Verdunstungsbecken geleitet wird. Das Problem dabei: Durch Verbrauch bzw. Verdunstung großer Mengen an Sole kann laut verschiedenen Studien nicht nur der Pegel des unterirdischen Salzsees fallen, sondern auch das für die trockene Region so wichtige Grundwasser am Rand der Salzseen sinken. 

      Im Gegensatz zu dem klassischen Verdunstungsverfahren kann bei einem Verfahren, wie BMW-Zulieferer Livent es verwendet, die verarbeitete Sole zurück in den unterirdischen Salzsee gepresst werden. Das kann verhindern, dass der Pegel des Sees und damit einhergehend das Grundwasser der Umgebung sinkt. BMW behauptet auch, dass der "größte Teil der verwendeten Sole" nicht verdunstet. Das wäre ein einleuchtendes Verfahren, wenn es so umgesetzt würde.

      Doch genau daran gibt es Zweifel. So ist in den eigenen Umweltberichten von Livent nirgendwo die Rede davon, dass die restliche Sole wieder in den Untergrund zurückgeleitet wird. Was aber in den Berichten zu lesen ist: Laut Livent wird die Restsole nach einer Neutralisierung des pH-Wertes in einen künstlichen See auf den Salar del Hombre Muerto geleitet. Broder Merkel, Professor für Hydrogeologie an der Bergakademie Freiberg, sieht nur zwei Möglichkeiten, was mit der Restsole passiert: "Entweder wird die Restsole wieder in die Sole zurückgepumpt oder auf den Salar geleitet, wo sie verdunstet." Merkel geht auf Basis der NDR-Recherchen davon aus, dass die restliche Sole tatsächlich verdunstet und sieht entgegen der BMW-Aussagen somit keinen positiven Effekt hinsichtlich des Sole-Spiegels. BMW und Livent ließen Anfragen, was mit der genutzten Sole geschieht, unbeantwortet.

      BMW betont gegenüber dem NDR, seine Verantwortung im Rahmen der Umwelt- und Sozialstandards bei der Lithium-Beschaffung sehr ernst zu nehmen. BMW weist auf wissenschaftliche Studien zum Ltihium-Abbau in Chile und Argentinien hin, die man in Auftrag gegeben habe. Konkrete Fragen zum Abbau von Livent ließ BMW unbeantwortet. Auf Nachfrage heißt es: "Wir verpflichten alle unsere Lieferanten zur Einhaltung von Umwelt- und Sozialstandards, Menschenrechten sowie zur Anwendung von Managementsystemen zum Arbeitsschutz und Schutz der Umwelt. Dies ist auch bei unserem Lieferanten Livent der Fall." Auch Livent hat Fragen von Panorama und STRG_F zum Produktionsverfahren und zur Nachhaltigkeit nicht beantwortet. 

      Bis 2040 könnte sich der weltweite Lithiumbedarf im Vergleich zu heute mehr als verzehnfachen. Welche ökologischen Folgen eine entsprechende Produktion des Alkalimettals für die Ökosysteme in den Abbaugebieten haben wird, weiß niemand.

      Panorama ist eines der erfolgreichsten Politik-Magazine im deutschen Fernsehen. Wir recherchieren dort, wo es eigentlich keinen Zutritt gibt und decken auf, was andere lieber vertuschen und verschweigen wollen. Dabei kritisieren wir die Regierung ebenso wie die Opposition, die Gewerkschaften ebenso wie die Arbeitgeber. Unser Themenspektrum reicht von der Ausbeutung der Arbeitnehmer über den BND im Irakkrieg bis hin zum Chaos im Klassenzimmer. Unser Ziel ist, nicht nur zu kritisieren, sondern auch die Verantwortlichen mit unseren Argumenten zu konfrontieren.

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