• 23.04.2013
      20:15 Uhr
      Versenkt und Vergessen Themenabend: Endlager Meeresgrund | arte
       

      Atommüll vor Europas Küsten

      • Es war ein ungleicher, lebensgefährlicher Kampf - mit Schlauchbooten gegen Frachter. Umweltaktivisten wollten die Verklappung von Atommüll auf hoher See stoppen. Doch die Atomfrachter siegten immer. Fässer mit radioaktiven Abfällen wurden einfach über Bord geworfen. Manche trafen sogar die Boote der Aktivisten. Erst in den 1980er Jahren, als die Öffentlichkeit endlich erfuhr, was da auf See geschah, gewann die Umweltorganisation Greenpeace ihren Kampf: Der Druck auf die Politik wurde zu groß. Die Versenkung von Atommüll wurde eingestellt und schließlich weltweit verboten.

      Dienstag, 23.04.13
      20:15 - 21:10 Uhr (55 Min.)
      55 Min.
      Stereo

      Atommüll vor Europas Küsten

      • Es war ein ungleicher, lebensgefährlicher Kampf - mit Schlauchbooten gegen Frachter. Umweltaktivisten wollten die Verklappung von Atommüll auf hoher See stoppen. Doch die Atomfrachter siegten immer. Fässer mit radioaktiven Abfällen wurden einfach über Bord geworfen. Manche trafen sogar die Boote der Aktivisten. Erst in den 1980er Jahren, als die Öffentlichkeit endlich erfuhr, was da auf See geschah, gewann die Umweltorganisation Greenpeace ihren Kampf: Der Druck auf die Politik wurde zu groß. Die Versenkung von Atommüll wurde eingestellt und schließlich weltweit verboten.

       

      Stab und Besetzung

      Regie Thomas Reutter
      Manfred Ladwig

      Heute sind die mehr als 100.000 Tonnen radioaktiver Abfälle, die auf dem Meeresgrund vor Europa liegen, längst vergessen. Früher wurden die Versenkungsgebiete regelmäßig untersucht und Meeresboden, Wasser und Fische auf Radioaktivität kontrolliert. Tatsächlich fanden Forscher dabei Radionuklide, die darauf hindeuten, dass Fässer leckgeschlagen sind. In Fischen wurden Spuren von Plutonium gefunden. Doch dann stellten die Regierungen die Untersuchungen in der Umgebung der sogenannten "Dumping Grounds" einfach ein. Welche Gefahren gehen heute von diesen Fässern aus?

      Die Filmemacher Thomas Reutter und Manfred Ladwig haben sich mit einem Schiff, Spezialausrüstung und Unterwasserkameras auf die Suche nach den versenkten Atommüllfässern gemacht. Ein aussichtsloses Unternehmen, glaubte Greenpeace, denn die exakte Position der versunkenen Fässer ist unbekannt. Doch Harald Zindler, einer der Aktivisten, die damals im Schlauchboot gegen die Verklappungen kämpften, geht schließlich mit an Bord. Von der britischen Kanalinsel Alderney aus bricht das Team auf, den versunkenen Atommüll im Ärmelkanal zu finden.

      Archivaufnahmen und Dokumente zeigen, wie sorglos und unverantwortlich bei der "Entsorgung" zu See mit Atommüll umgegangen wurde. Heute wäre sie illegal und kriminell. Wer war damals für diese Versenkungen verantwortlich? Die Filmemacher sprechen mit Zeitzeugen, verantwortlichen Politikern und Greenpeace-Aktivisten von damals. Sie zeigen aber auch, welche Schäden die radioaktiven Altlasten bei Menschen und in der Umwelt mittlerweile angerichtet haben. Sie befragen Wissenschaftler in ihren Laboren, nehmen selbst Proben und lassen diese analysieren.
      Seit 1995 ist es zwar weltweit verboten, Atommüll von Schiffen aus ins Meer zu werfen. Es ist aber immer noch erlaubt, radioaktives Abwasser von Land aus ins Meer einzuleiten. Und genau das geschieht jeden Tag. Wiederaufarbeitungsanlagen pumpen flüssigen Atommüll in die Irische See und in den Ärmelkanal. Und auch die Langzeitfolgen der atomaren Meeresverschmutzung sind weitgehend unbekannt. Dass es darüber kaum Informationen gibt, ist kein Zufall: Die wahre Faktenlage wird geleugnet, heruntergespielt oder verheimlicht. Die Verantwortlichen beschönigen seit Jahren das wahre Ausmaß der Gefahren, die von dem versenkten und vergessenen Atomendlager im Meer ausgehen.

      Vor den Küsten Europas tickt eine Zeitbombe. 114.726 Tonnen Atommüll liegen dort - ein Endlager auf dem Meeresgrund. Amtliche Dokumente belegen, dass an 15 Stellen 222.732 Fässer verklappt wurden. Bis 1982 versenkten neun europäische Staaten schwach- und mittelradioaktive Abfälle im Nordostatlantik, darunter auch Deutschland. Der Themenabend zeigt die Stellen, an denen die atomaren Altlasten liegen, und deckt auf, was aus dem vergessenen Endlager im Meer geworden ist.
      Außerdem wirft er einen Blick auf den "Atomfriedhof Arktis" und dokumentiert, dass Russland bis 1992 hoch radioaktiven Atommüll und sogar ein ausrangiertes Atom-U-Boot samt Kernwaffen an Bord im Eismeer versenkte.

      Aus heutiger Sicht ist es die wohl größte Umweltsünde in Europa, die je von Regierungen begangen wurde. Die Verklappung von Atommüll, also dessen Verbringung in Gewässer, war nicht nur legal, sondern galt sogar als sicheres "Entsorgungskonzept". Die Verantwortlichen gingen davon aus, dass der radioaktive Abfall in 4.700 Metern Tiefe sicher "beseitigt" sei. Man nahm an, dass eventuell ausdringende, radioaktive Stoffe im Ozean "verdünnt" würden. Heute ist die "Verdünnung" von radioaktiven Abfällen verboten, weil die Radioaktivität dabei nicht verringert, sondern unkontrolliert verteilt wird. Freigesetzte Isotope gelangen über die Nahrungskette auch aus einer Tiefe von mehr als 5.000 Metern hinauf in Fischfangzonen. Seit 1995 ist das Versenken von Atommüll weltweit verboten. Inzwischen wurde in den Versenkungsgebieten in Wasserproben Plutonium 238 nachgewiesen. Wenige Millionstel Gramm Plutonium im Körper sind für den Menschen tödlich. Welche Gefahren gehen heute von diesen Fässern aus?

      Auch die Russen versenkten strahlenden Abfall und radioaktive Abwässer ganz regulär in der Arktischen See, bis 1992 auch hoch radioaktiven Atommüll. Die Nordmeerflotte der Roten Armee entledigte sich sogar eines Atom-U-Bootes mit havariertem Reaktor. Und zwei sowjetische Atom-U-Boote versanken darüber hinaus bei Unglücken im Eismeer. Alle drei Boote liegen bis heute auf dem Grund der Arktis. Unterwasseraufnahmen belegen: Rost zernagt die Schutzhüllen. Das Salzwasser dringt in das Innere ein. Offiziell räumt der Kreml keine akute Gefahr ein, doch intern schlagen russische Regierungsbeamte Alarm: Die Zeit drängt. Die versenkten Hinterlassenschaften der atomgetriebenen Nordmeerflotte drohen wichtige Fischgründe radioaktiv zu verseuchen.

      Der Themenabend nimmt sich dieser von West wie Ost begangenen Umweltsünden an.

      Wird geladen...
      Wird geladen...

programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 19.12.2018