• 29.11.2010
      00:30 Uhr
      Ein Sechstel der Erde Stummfilm UdSSR 1926 (Sestaja cast' mira) - Schwerpunkt: ARTE FilmFestival | arte
       

      "Ein Sechstel der Erde" ist ein filmisches Manifest aus dem Jahre 1926, kunstvoll montiert aus Material der von Vertov in alle sowjetische Regionen entsandten Filmkorrespondenten.

      Nacht von Sonntag auf Montag, 29.11.10
      00:30 - 01:45 Uhr (75 Min.)
      75 Min.
      Stereo HD-TV

      "Ein Sechstel der Erde" ist ein filmisches Manifest aus dem Jahre 1926, kunstvoll montiert aus Material der von Vertov in alle sowjetische Regionen entsandten Filmkorrespondenten.

       

      "Ein Sechstel der Erde" ist ein anschauliches Beispiel dafür, was Vertov mit dem filmischen Auge, dem "Kinoglaz", im Sinne hatte: Seine "Kinoki" sind keine einfachen Filmemacher, die nüchtern von Vorgängen berichten, sondern euphorische Boten der revolutionären Wende zur Moderne. Aus den entferntesten Winkeln des Landes schaffen sie Bilder von verstreut lebenden Volksgruppen herbei.
      Einfache Bauern, Jäger, Fischer und Handwerker, die nun in eine filmische Symphonie eingehen, in der das Verbindende über das Trennende gestellt wird: "Ihr", heißt es immer wieder emphatisch in den dynamischen Zwischentiteln - ein jeder und eine jede wird direkt angerufen, seine Rolle im produktiven Ganzen anzuerkennen.
      Mit emanzipatorischer Kraft - ein eigener Abschnitt widmet sich beispielsweise Frauen, die in Unfreiheit leben. "Ein Sechstel der Erde" ist eine Exkursion des "Kino-Auges" bis an die Grenzen des damaligen Sowjetreiches, ein genuiner Blick auf die vielgestaltigen Kulturen der Ethnien und die Produktion im jungen Sowjetstaat. Zugleich wirft der Stummfilm ein Blick auf die Lebensweise und Gedankenwelt des Klassengegners "am Rande seines historischen Untergangs".
      "Wenn ich die zehn besten Dokumentarfilme aller Zeiten auswählen müsste, würde ich es absurd finden. Aber wenn es gilt, Einen zu wählen: Ein Sechstel der Erde." (Chris Marker)

      Der Filmmacher und Medientheoretiker Dziga Vertov (1896-1954), in Bialystok geboren als Denis Arkad'evic Kaufman, wird heute einhellig als einer der großen "Erfinder" des Kinos gesehen: Erfinder einer neuen Schrift aus Bild und Ton, Schöpfer und Dokumentarist einer in Bewegung befindlichen Welt. Vertov verstand und realisierte Film als die moderne Ausdrucksweise eines neuen Welt-Bilds.
      In radikaler Abwendung vom bürgerlichen Illusionskino war Film für Vertov identisch mit dem poetischen und selbstreflexiven Dokumentarfilm. Er arbeitete ausschließlich mit dokumentarischem Material, das seine Kameraleute, darunter sein Bruder Michail Kaufman, in der ganzen Sowjetunion drehten. Die Kamera wurde Vertov zum verlängerten Auge, das mehr zu sehen imstande ist, als das menschliche. Durch die anschließende Montage sollen weitere Zusammenhänge aufgedeckt werden, die in den bloßen Fakten verborgen sind. Dadurch entsteht eine Art "Kino-Pravda" (Kino-Wahrheit).
      Um 1930 war Vertov eine internationale Berühmtheit; er absolvierte zwei ausgedehnte Vortragsreisen durch Westeuropa und gewann illustre Bewunderer, von Charles Chaplin bis Walter Benjamin. Seine Filme waren außerhalb der Sowjetunion kaum je im "regulären Kinoeinsatz", doch ihre Einzigartigkeit verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Gleichzeitig wurde er in der Sowjetunion mehr und mehr an der Realisierung seiner Konzepte gehindert: Im Stalinstaat blieben die meisten Avantgarde-Filmschaffenden zwar von Gulag oder Ermordung verschont, doch ihre Arbeits- und individuellen Ausdrucksmöglichkeiten wurden massiv eingeschränkt.
      Am Ende seines Lebens beneidet Vertov den in den Selbstmord getriebenen Freund Majakowski, dessen Gedichte immerhin in den Büchereien überlebt hätten. Sein eigenes Werk hingegen, schreibt Vertov in den Tagebüchern, sei ihm verstümmelt, falsch kopiert, verschnitten, weggeworfen, kurz "zur Gänze ausgelöscht worden". Es ist vor allem den Bemühungen der Filmmuseen und Filmarchive zu verdanken, dass die Dinge heute nicht ganz so im Dunkel liegen wie zu Vertovs Lebzeiten. Das Österreichische Filmmuseum hat seit Mitte der 60er Jahre seine Werke gesammelt, gezeigt und teilweise restauriert, eine Auswahl seiner Tagebücher herausgegeben sowie - in engem Kontakt mit Elizaveta Svilova, seiner Witwe und wichtigsten Mitarbeiterin - zahlreiche Originaldokumente von und über Vertov erworben. Dziga Vertovs Filme "Ein Sechstel der Erde" (1926) und "Das elfte Jahr" (1928) wurden im Rahmen eines drei Jahre andauernden Projektes zur Vertov-Sammlung des Österreichischen Filmmuseums digital untersucht und bearbeitet. ARTE präsentiert die Ergebnisse dieser Pionierarbeit. "Die Veröffentlichung ist von großem filmhistorischen Interesse und besonders für die Beurteilung von Vertovs Gesamtschaffen unverzichtbar. Nicht anders als Sergej M. Eisenstein hat Vertov die Sprache des Films maßgeblich beeinflusst." (film-dienst)
      Der britische Filmkomponist Michael Nyman, bekannt geworden durch die Musiken zu den Filmen Peter Greenaways, schrieb für "Ein Sechstel der Erde" eine neue Filmmusik. Nyman ist ein Fan der russischen Filmavantgarde, besonders von Dziga Vertov, dessen Klassiker "Der Mann mit der Kamera" (1929) er schon musikalisch neu vertont hatte.
      Die Komposition für "Ein Sechstel der Erde" entstand als Auftragswerk der Wiener Konzerthausgesellschaft und wurde im Wiener Konzerthaus im März 2010 uraufgeführt.

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      Nacht von Sonntag auf Montag, 29.11.10
      00:30 - 01:45 Uhr (75 Min.)
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