• 25.08.2012
      05:10 Uhr
      Die große Flucht Das Schicksal der Vertriebenen | phoenix
       

      Aus der Heimat zu flüchten, aus dem angestammten Lebensumfeld vertrieben zu werden - für 14 Millionen Deutsche war dies das traumatische Erlebnis ihres Lebens. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, eines Krieges, der von deutschem Boden ausgegangen ist und der gezeigt hat, wozu Menschen fähig sind - sind deutsche Frauen, Kinder, alte Menschen selbst millionenfach zu Opfern geworden.

      Samstag, 25.08.12
      05:10 - 06:30 Uhr (80 Min.)
      80 Min.
      Stereo

      Aus der Heimat zu flüchten, aus dem angestammten Lebensumfeld vertrieben zu werden - für 14 Millionen Deutsche war dies das traumatische Erlebnis ihres Lebens. Am Ende des Zweiten Weltkrieges, eines Krieges, der von deutschem Boden ausgegangen ist und der gezeigt hat, wozu Menschen fähig sind - sind deutsche Frauen, Kinder, alte Menschen selbst millionenfach zu Opfern geworden.

       

      Flucht vor der Roten Armee: Schon im Sommer 1944, als im Osten die Front der deutschen Heeresgruppe "Mitte" zusammengebrochen war, hatten hohe Generäle auf eine Evakuierung der Zivilbevölkerung gedrängt. Stattdessen erließ die nationalsozialistische Führung Befehle, die jede Flucht auf eigene Faust unter schwere Strafe stellten. Der Bau des "Ostwalls" und Parolen vom "Endsieg" sollten die Bevölkerung in trügerischer Sicherheit halten.

      Als die Rote Armee im Januar 1945 Ostpreußen einkesselte, war die "Frische Nehrung" - ein schmaler Streifen Landes vor der Küste südwestlich von Königsberg - für mehr als zwei Millionen Menschen der einzige Fluchtweg in Richtung Westen. Tausende überlebten die Flucht nicht, blieben liegen, erfroren, brachen auf dem Eis des Haffs ein; Unzählige wurden von sowjetischen Panzern eingeholt und überrollt.

      Am 19. Januar 1945 überschritten sowjetische Truppen die schlesische Grenze. Den Einwohnern von Breslau, der Hauptstadt Schlesiens, bot sich in ihren Straßen das Bild nicht endender Flüchtlingskolonnen. Noch Tage zuvor tönte die Propaganda, der Feind werde zurückgeschlagen, die Heimat verteidigt. Nun traf der plötzliche Räumungsbefehl Hunderttausende Zivilisten.

      Eingekesselt und verfolgt: Anfang März war der Kessel von Hinterpommern so gut wie geschlossen. "Wir saßen beim Mittagessen und waren ahnungslos. Als dann im Radio die Meldung kam, 'Panzerspitzen vor Stolp', da fiel uns der Löffel aus der Hand. Wir hatten ja überhaupt keine Ahnung", erinnert sich die Ärztin Katharina Schmidt.

      Wer den Weg nach Westen nicht rechtzeitig angetreten hatte, sah sich dem Wüten der Eroberer ausgesetzt, die plünderten, vergewaltigten, mordeten. Die Sowjetpropaganda schürte Rachegefühle der Soldaten, die von ihren Heimatorten bis nach Deutschland vielerorts Zeugnisse fürchterlicher Verbrechen der deutschen Besatzer vorgefunden hatten. "Wer das Schwert nimmt, der wird durch s Schwert umkommen. Für wen sollten wir noch Gefühle haben? Die Deutschen haben uns zuerst angegriffen", schildert der russische Frontkameramann Alexej G. Semin die Situation von damals. Doch es gab auch Beispiele von Erbarmen und sogar Hilfe von Seiten der Sieger.

      Der Flucht der Deutschen folgten systematische Vertreibungen. Auf den Konferenzen von Teheran Ende 1943 und Jalta Anfang 1945 hatten die Alliierten einen "Bevölkerungsaustausch" beschlossen, die Überführung der Deutschen in die Gebiete westlich der Oder-Neiße-Linie. Auf der Konferenz von Potsdam behauptete Stalin, östlich von Oder und Neiße gäbe es kaum noch Deutsche, und die Alliierten glaubten es nur allzu gern. Als sie Mitte 1945 die "Aussiedlung" in "geordneter und humaner" Weise verfügten, waren schon Hunderttausende Opfer von brutalen Vertreibungen geworden, vor allem in der Tschechoslowakei und in Polen.

      Doch Flucht und Vertreibung hatten nicht erst begonnen, als die Rote Armee im Sommer 1944 die Grenzen des Deutschen Reiches überschritt und der Zweite Weltkrieg Ostpreußen erreichte. Fünf Jahre zuvor hatten Hitlers Helfer damit begonnen, Polen aus Posen und Westpreußen zu vertreiben. Drei Jahre vorher hatten Himmlers Schergen von Finnland bis zum Schwarzen Meer eine Blutspur von millionenfachem Mord gezogen, um den Wahn vom "Lebensraum im Osten" in die Tat umzusetzen. All das schlug nun zurück auf Schlesier und Sudetendeutsche, Ostpreußen und Pommern - kostete 14 Millionen Menschen die Heimat und davon wohl bis zu zwei Millionen das Leben.

      Verlorene Kinder: Tausende Familien wurden im Sog von Flucht und Vertreibung auseinander gerissen. Besonders leidvoll war das Schicksal von Kindern, die plötzlich ganz allein waren. Sie verloren ihre Angehörigen durch Hunger, Kälte und Gewalttaten der Roten Armee oder wurden von sowjetischen Kommandos in sibirische Lager deportiert. "Als im Januar 1945 die Front immer näher kam und unser Dorf bombardiert wurde, sind wir in einen Wald geflüchtet. Als das Bombardement aufhörte, habe ich meinen Kopf wieder gehoben.

      Doch mein Bruder war nicht mehr da. Ich habe geweint, ich habe geschrieen. Und dann bin ich einfach nur gelaufen", erinnert sich Horst Pohl.

      Horst Pohl war ein "Wolfskind" - eines jener ostpreußischen Kinder, die 1945 ihre Eltern verloren und in den Wäldern Litauens um ihr Überleben kämpften. Schätzungen sprechen von etwa 4000 Kindern, die mutterseelenallein, bettelnd durch Litauen zogen. Viele verhungerten, manche wurden in Familien aufgenommen. "Ich bin den Litauern bis heute dankbar, dass sie Kinder wie mich gerettet haben. Die waren selber so arm", erinnert sich Liesabeth Otto an die Hilfe, die ihr zuteil wurde.

      Von vielen vermissten Kindern und Jugendlichen fehlt bis heute jede Spur. Ungezählte kamen bei Verschleppung und Zwangsarbeit ums Leben und wurden in Massengräbern verscharrt. Doch Tausende haben überlebt - als Diskriminierte auf den Gebieten der ehemaligen Sowjetunion oder als vermeintliche Waisenkinder, die in einen der beiden deutschen Staaten zurückgeschickt wurden. Hunderte ihrer Schicksale bedürfen noch immer der Aufklärung. Das ZDF versucht nun, in Zusammenarbeit mit Hilfsorganisationen und Suchdiensten, einige Fälle zu lösen.

      Ein Film von Annette Tewes und Christian Deick

      Wird geladen...
      Samstag, 25.08.12
      05:10 - 06:30 Uhr (80 Min.)
      80 Min.
      Stereo

programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 05.12.2022