• 13.03.2012
      17:15 Uhr
      Verloren im Hartz-IV-Dschungel Ein Anwalt hilft den Armen | phoenix
       

      13 Jahre lang besaß die 37-jährige Handwerksmeisterin Sylvia P. eine chemische Reinigung. Urlaub und freie Wochenenden waren für die Unternehmerin und Mutter von zwei Kindern kaum drin. Irgendwann machte ihr Körper den Dauerstress nicht mehr mit. Sie wurde krank. Dann folgte der soziale Absturz: Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung. Doch damit nicht genug. Jahrelang wurde der Hartz-IV-Empfängerin ein Heizkostenzuschuss, der ihr zustand, verweigert. Es begann ein zermürbender Kampf vor dem Sozialgericht. Was ist das für ein Gesetz, das für so viel Chaos und Ärger sorgt? Autor Lutz Wetzel sucht Antworten.

      Dienstag, 13.03.12
      17:15 - 17:45 Uhr (30 Min.)
      30 Min.
      Stereo

      13 Jahre lang besaß die 37-jährige Handwerksmeisterin Sylvia P. eine chemische Reinigung. Urlaub und freie Wochenenden waren für die Unternehmerin und Mutter von zwei Kindern kaum drin. Irgendwann machte ihr Körper den Dauerstress nicht mehr mit. Sie wurde krank. Dann folgte der soziale Absturz: Arbeitslosigkeit, Schulden, Scheidung. Doch damit nicht genug. Jahrelang wurde der Hartz-IV-Empfängerin ein Heizkostenzuschuss, der ihr zustand, verweigert. Es begann ein zermürbender Kampf vor dem Sozialgericht. Was ist das für ein Gesetz, das für so viel Chaos und Ärger sorgt? Autor Lutz Wetzel sucht Antworten.

       

      Seit dem 1. Januar 2005 ist das Hartz-IV-Gesetz in Kraft. Doch in der Praxis sorgt es immer wieder für Chaos und Ärger. Viele Leistungsempfänger müssen um die im Gesetz verankerten "angemessenen Unterkunfts- und Heizkosten" kämpfen. Vieles ist Auslegungssache. Doch fehlt das Geld zum Leben, geraten Bedürftige häufig in ausweglose Situationen.

      Für seine Reportage hat der Autor Lutz Wetzel das Oldenburger Sozialgericht und den Rechtsanwalt Alfred Kroll besucht, der bislang mehr Hartz-IV-Empfänger vertreten hat als jeder andere in Deutschland. Der Oldenburger Jurist vertritt jährlich etwa 1.000 Mandanten. Nie zuvor haben so viele hilfsbedürftige Bundesbürger geklagt, weil sie glauben, nicht das zu bekommen, was ihnen nach dem Hartz-IV-Gesetz zusteht.

      Auch die Gerichte stöhnen unter der Last, die ihnen Hartz IV auferlegt: Sie ersticken in Akten. Beim Sozialgericht Oldenburg musste die Zahl der Richter wegen der Mehrbelastung auf 18 verdoppelt werden. "Wir haben oft selbst Schwierigkeiten, die Bescheide zu verstehen", gesteht Gerichtsdirektor Wulf Sonnemann. An manchen Tagen muss er im Akkord Entscheidungen über Mietobergrenzen oder Warmwasserzuschüsse fällen. In zwei Drittel der Fälle bekommen die Kläger Recht.

      Durch den Rechtsanwalt Alfred Kroll lernte der Autor Lutz Wetzel verzweifelte Menschen kennen, die wegen eines komplizierten Gesetzes in eine scheinbar ausweglose Situation geraten sind: Eine junge Mutter, die ein Guthaben beim Sozialamt hat. Statt einer Auszahlung an sie wird das Konto gepfändet und sie weiß nicht, wie sie ihr Kind satt bekommen soll. Ein Geschäftsmann droht in die Armutsfalle zu tappen, weil er dem Sozialamt die Arztkosten für seinen an Krebs erkrankten Vater ersetzen soll. Eine siebenköpfige Familie zerbricht fast daran, weil der Vater nach dem Hartz-IV-Gesetz für seine drei neuen Stiefkinder aufkommen muss.

      "Es gibt Momente, da bin auch ich mit meiner Kraft am Ende", meint Anwalt Kroll. "In so einer Situation besuche ich oft das Grab eines Mandanten, der aufgegeben hat, weil er nicht mehr konnte. Dann sag ich mir: Für seinen Tod mache ich weiter."

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      Dienstag, 13.03.12
      17:15 - 17:45 Uhr (30 Min.)
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