• 14.01.2021
      07:45 Uhr
      Deutschland von oben 1945 | phoenix
       

      Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 gleicht Deutschland einer Trümmerwüste. Mithilfe von Luftaufnahmen alliierter Militärs blickt die Dokumentation von oben auf die Zerstörungen. Am Beispiel der Städte Berlin, Dresden und Köln zeigt sie das Leben der Deutschen zwischen den Trümmern und vergleicht Filmaufnahmen der Westmächte aus dem Sommer 1945 mit Aufnahmen aus den 30er Jahren und aus der Gegenwart.
      Diese Bilder, meist gemacht von Amateuren, bilden den roten Faden der Dokumentation. Es sind Bilder, die den Betrachter betroffen machen und Fragen aufwerfen. Kann es noch Leben geben in solchen Mondlandschaften?

      Donnerstag, 14.01.21
      07:45 - 08:30 Uhr (45 Min.)
      45 Min.

      Nach der Kapitulation am 8. Mai 1945 gleicht Deutschland einer Trümmerwüste. Mithilfe von Luftaufnahmen alliierter Militärs blickt die Dokumentation von oben auf die Zerstörungen. Am Beispiel der Städte Berlin, Dresden und Köln zeigt sie das Leben der Deutschen zwischen den Trümmern und vergleicht Filmaufnahmen der Westmächte aus dem Sommer 1945 mit Aufnahmen aus den 30er Jahren und aus der Gegenwart.
      Diese Bilder, meist gemacht von Amateuren, bilden den roten Faden der Dokumentation. Es sind Bilder, die den Betrachter betroffen machen und Fragen aufwerfen. Kann es noch Leben geben in solchen Mondlandschaften?

       

      Im Mai 1945 starten Bomber von England aus in Richtung Deutschland. Doch diesmal tragen die Flugzeuge keine tödliche Fracht, sondern bringen Touristen: "Trolley Missions" nennen die US-Amerikaner die Rundreise der besonderen Art.
      2.300 Flüge über das zerstörte Deutschland, exklusiv für das Bodenpersonal der US Air Force - Mechaniker, Ingenieure, Küchenkräfte, Sekretärinnen. Wie ein Reisebüro bietet die amerikanische Luftstreitkraft in Flyern zwei Routen an: die Nordroute über Dortmund, Hannover, Hamburg, Bremen und Münster; die Südroute führt über Mannheim, Frankfurt, Köln und Düsseldorf. Von den Flugzeugen aus entstehen Fotografien von völlig zerstörten Innenstädten.

      Diese Bilder, meist gemacht von Amateuren, bilden den roten Faden der Dokumentation. Es sind Bilder, die den Betrachter betroffen machen und Fragen aufwerfen. Kann es noch Leben geben in solchen Mondlandschaften? Können aus diesen Ruinen jemals wieder funktionierende Städte entstehen?

      Köln ist die erste deutsche Metropole, die von den Alliierten im März 1945 befreit wurde. Die Aufnahmen der "Trolley Missions" zeigen den berühmten Dom der Stadt, der wie ein dunkler Fels aus einem Trümmermeer herausragt. Es wirkt wie ein Wunder, dass das mittelalterliche Bauwerk mehr als 260 Luftangriffe überstanden hat. Am 12. Mai 1945 fliegt Pilot Sergeant Robert G. Harned ein waghalsiges Manöver, nähert sich dem Kölner Dom in niedriger Höhe. Für seine Passagiere, die Teilnehmer der "Trolley Missions", ist Köln nicht nur wegen der Kathedrale interessant. Hier kam es im März 1945 beim Einmarsch der US-Truppen zu einem dramatischen Panzerduell. Bilder dieses Gefechts gingen damals um die Welt.

      Nach dem Ende der Kampfhandlungen haben Kameraleute des "Special Film Projects" der US Air Force zum ersten Mal Gelegenheit, auch am Boden zu filmen: Apathisch wirkende Menschen blicken in die Kameras, erloschene Gesichter, in denen nur selten noch ein Funken Hoffnung erkennbar ist. Von einst 772.000 Einwohnern leben in Köln in jenen Tagen nur noch rund 40.000 Menschen, hausen in Ruinen, Kellern und Tiefbunkern. Kinder spielen in Trümmern, in denen noch immer viele Tote verborgen liegen. Wie soll es jemals möglich sein, dieses Land wieder aufzubauen? Das fragen sich auch die Besucher aus den USA. Von 18,8 Millionen Wohnungen in Deutschland sind 4,8 Millionen beschädigt oder ganz zerstört. 13 Millionen Menschen sind obdachlos. Hinzu kommen etwa 14 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene aus den deutschen Ostgebieten.

      Auch der Anflug auf Nürnberg zeigt im Mai 1945 ein ähnlich deprimierendes Bild. Die Altstadt ist zu 90 Prozent zerstört. Auf Theodor Wild, damals sieben Jahre alt, machen die Zerstörungen einen unvergesslichen Eindruck. Der Junge beginnt seine Erlebnisse in einem Tagebuch festzuhalten. Wie es war, als die Amerikaner kamen, wie sich das Überleben in den Trümmern anfühlte, als überall Not herrschte, in einer gesetzlosen Zeit, als Raub und Diebstahl auf der Tagesordnung standen. Im Film spricht Wild über seine Erlebnisse im zerstörten Nürnberg.

      Private Filmaufnahmen zeigen die Stadt Münster. Ein britischer Offizier besichtigt im Frühsommer 1946 die Ruinen der einst so prachtvollen Altstadt. Beim Spaziergang über den zerstörten Prinzipalmarkt wird er begleitet von seiner deutschen Freundin. Die posiert mit fröhlicher Miene vor den Ruinen der früher so stolzen Stadt. Was im Krieg verloren ging, führen Farbaufnahmen einer Amateurfilmerin vor Augen, Elisabeth Wilms aus Dortmund-Asseln. Ihr Film zeigt das unzerstörte Münsteraner Stadtzentrum - am Tag vor dem großen Bombenangriff, der 90 Prozent der Innenstadt zerstörte.

      Die Sammlung von Elisabeth Wilms zählt zu den bedeutendsten Amateurfilmsammlungen aus der Kriegs- und Nachkriegszeit. Die "filmende Bäckersfrau", die täglich in der familieneigenen Bäckerei mit angeschlossenem Lebensmittelgeschäft arbeitete, hatte 1942 ihre Leidenschaft fürs Filmen entdeckt, drehte nicht nur in der eigenen Backstube, sondern auch in ihrem privaten Umfeld. Nach 1945 filmt Elisabeth Wilms mit ihrer Kamera den Alltag der Menschen in den Trümmern von Dortmund. Ihre einzigartigen Aufnahmen sind von bewegender Nähe, zeigen Frauen, Alte und Kinder, die sich in Trümmerhöhlen ein tristes Zuhause eingerichtet haben und versuchen zu überleben. "Wenn ich nach dem Kriege durch Dortmund fuhr, hatte ich fast immer meine Kamera bei mir", erzählte die "filmende Bäckersfrau" später. "Jedem aufkeuchenden Rauch ging ich nach und entdeckte so manche Kellerwohnung." Acht Menschen, die sich in einem Bett dicht zusammendrängen, Kinder, die statt Schuhen nur Fetzen an den Füßen tragen - die Filmaufnahmen von Elisabeth Wilms sind ein einzigartiges Dokument.

      Im September 1947 macht sich eine hochrangige Delegation von Unternehmern aus den USA auf den Weg nach Deutschland, um die wirtschaftliche Lage im besiegten Land zu beurteilen. Ihre Rundreise durch die westlichen Besatzungszonen beginnt im amerikanischen Sektor von Berlin, im zerstörten Wilmersdorf. Die Filmaufnahmen der Reisegruppe geben einen Eindruck von der Situation im Land. 24 Monate nach Kriegsende hatte der Wiederaufbau vielerorts noch nicht begonnen. Viele Häuserzeilen bestanden nach wie vor aus leblosen Ruinen. Doch beim näheren Hinsehen zeigt sich, dass sich die deutsche Wirtschaft in einem weitaus besseren Zustand befand als damals viele glaubten, allen voran die Menschen in den zertrümmerten Innenstädten. Noch aber dürfen die Unternehmen nicht wieder produzieren, da die Genehmigungen der Besatzer fehlen. Die werden im Herbst 1947 erteilt. Die Wirtschaft in den westlichen Besatzungszonen kommt wieder in Gang. "Aber nicht in erster Linie, um den Deutschen sozusagen was Gutes zu tun", erklärt Wirtschaftshistoriker Prof. Werner Abelshauser, "sondern um die westeuropäische Wirtschaft im angehenden Ost-West-Konflikt zu stärken. Und dazu brauchte man die Deutschen."

      Auf ihrer Rundreise durch Deutschland sehen die amerikanischen Unternehmer auch die sogenannten "Trümmerfrauen", ein überaus beliebtes Motiv für Fotografen und Kameraleute in jenen Tagen. Schon im Sommer 1945 haben Bilder von Frauen, die in langen Ketten mit Eimern die Trümmer wegräumen, Aufmerksamkeit erregt. Sie tragen bei zum Mythos der "Trümmerfrau" - jener Legende, nach der deutsche Frauen mit ihren eigenen Händen quasi im Alleingang die Schuttberge beseitigt hätten. Wie es zu dieser Legende kam und wie die Trümmer tatsächlich beseitigt wurden, erklärt im Film Historikerin Prof. Marita Krauss von der Universität Augsburg. "Die Trümmerfrauen hatten an den Räumungen sicherlich nur einen kleinen Anteil, der aber nicht unterschätzt werden darf. Und man darf auch nicht unterschätzen, dass diese Frauen tatsächlich den Trümmeralltag bewältigt haben in dieser Zeit, aber eben nicht, indem sie die großen Städte aufgeräumt haben, wie das der Mythos besagt."

      Der Wiederaufbau in der sowjetisch besetzten Zone ist ungleich schwerer als im Westen. Es fehlt an allem, die Demontagen der sowjetischen Besatzungsmacht erschweren einen Neustart. Das zeigen auch die Filmaufnahmen von Walther Lenger aus Leipzig. Der Hobbyfilmer hatte einst als Zahlmeister bei der Wehrmacht Karriere gemacht. Nach dem Krieg muss er sich als Hilfsarbeiter über Wasser halten und arbeitet auch bei der Trümmerräumung mit.
      Ganz anders sieht es in Frankfurt am Main aus: Die Aufnahmen der "Trolley Mission" dokumentieren die zerstörte Geburtsstadt Goethes, in der auch die Paulskirche, die Wiege der deutschen Demokratie, steht. Sie ist wie der Rest der Altstadt schwer beschädigt. Doch die Frankfurter sind findig: Im Juli 1945 wird buchstäblich der Grundstein

      für den Aufstieg zur Hauptstadt des deutschen Wirtschaftswunders gelegt. Statt Millionen von Kubikmetern Trümmerschutt einfach wegzuräumen, wollen die Frankfurter daraus das dringend benötigte Baumaterial zum Wiederaufbau gewinnen.

      Dazu müssen erst gesetzliche Voraussetzungen geschaffen werden. Die Anordnung lautet, Trümmer von Gebäuden, die zu mehr als 70 Prozent zerstört sind, zugunsten der Stadt entschädigungslos zu enteignen. Im Gegenzug übernimmt die Stadt kostenfrei die Räumung. So gingen auch andere Städte vor. Doch in Frankfurt gibt es eine Besonderheit. Hier erfinden Chemiker ein Verfahren, wie aus Feinschutt, der die Hälfte der gesamten Schuttmasse ausmachte, sogenannter "Sinterbims" gewonnen werden konnte. Mit Zement gemischt entstehen daraus neue Baustoffe. "Das Besondere in Frankfurt war", erklärt der Historiker Werner Bendix, "dass die große Menge an Feinschutt verwertet wurde, während sie in anderen Großstädten einfach auf Deponien geschüttet wurde.

      Frankfurts Ziel war eine möglichst hundertprozentige Recyclingquote. So hat sich die Stadt durch die Verwertung des Feinschutts große Mengen an Baumaterial erschlossen, die anderen Städten so nicht zur Verfügung standen." Das Ergebnis war konkurrenzlos günstiges Baumaterial, gewonnen aus den durchgeglühten Resten der im Bombenkrieg zerstörten Frankfurter Altstadt.

      Neben Experten wie Filmhistoriker Konstantin von zur Mühlen, Wirtschaftshistoriker Professor Werner Abelshauser oder Filmwissenschaftler Dr. Alexander Stark kommen in der Doku auch Zeitzeugen zu Wort, zum Beispiel Theodor Wild. Er erlebte das Kriegsende in Nürnberg und begann damals, seine Erinnerungen in einem Tagebuch festzuhalten.

      Film von Jörg Müllner

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