• 20.09.2020
      13:45 Uhr
      corona nachgehakt Ist das Virus weniger tödlich? | phoenix
       

      Weltweit und vor allem in Deutschland sinkt die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen in Relation der Neuerkrankten. Woran das liegen könnte und welche Faktoren dabei zusammenspielen, erklärt Prof. Ulf Dittmer, Virologe der Uniklinik Essen im Gespräch mit Alfred Schier bei corona nachgehakt.

      Sonntag, 20.09.20
      13:45 - 14:00 Uhr (15 Min.)
      15 Min.
      Stereo

      Weltweit und vor allem in Deutschland sinkt die Zahl der an Covid-19 Verstorbenen in Relation der Neuerkrankten. Woran das liegen könnte und welche Faktoren dabei zusammenspielen, erklärt Prof. Ulf Dittmer, Virologe der Uniklinik Essen im Gespräch mit Alfred Schier bei corona nachgehakt.

       

      Seit einigen Wochen berichtet das Robert Koch-Institut (RKI) von steigenden Zahlen der SARS-CoV-2  Infizierten. In der Woche vom 17. bis 23. August wurden rund 9000 Menschen als Corona positiv gemeldet - fast vier Mal so viele wie sechs Wochen zuvor. Trotz steigender Zahl der Neuinfektionen hält sich die Zahl der intensivmedizinisch Behandelten stabil bei ca. 240 Patienten und auch Tote gibt es kaum noch. Virologe Ulf Dittmer erläutert das Phänomen anhand von drei Faktoren, die die aktuell niedrige Zahl der Todesfälle an Covid-19 erklären könnten.

      Fast doppelt so viele Tests
      Die Letalität, also die Todesfälle in Bezug zur Anzahl aller an Covid-19-Erkrankten, ist im Vergleich zum Frühjahr deutlich gesunken. Laut Prof. Dittmer ist hierfür ausschlaggebend, dass seit Anfang der Pandemie nun deutlich mehr Tests durchgeführt würden. Im März lag die Gesamtzahl der Tests pro Woche noch bei rund 350.000 pro Woche, während mittlerweile mehr als 600.000 Tests pro Woche durchgeführt werden. Durch die vermehrten Tests konnten mehr Infizierte mit einem schwachen Krankheitsverlauf sowie auch junge Menschen registriert werden. „Wir testen mehr und finden mehr asymptomatische Personen ganz ohne Krankheit“, berichtete Ulf Dittmer. Das zeigt auch der Bericht des RKIs, demzufolge das Durchschnittsalter der Corona-positiv Getesteten von ca. 50 Jahren im April auf nun etwa 32 Jahre gesunken ist. Jüngere Menschen kämen Dittmer zufolge besser mit dem Virus klar, denn meistens haben sie keine Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf begünstigen. Dass nun vermehrt auch junge Menschen infiziert sind, könnte daran liegen, dass sie sich weniger an Abstandsregelungen halten. Genauso könne es jedoch auch daran liegen, dass diese vermehrt getestet werden und so automatisch mehr Infektionen gefunden werden, so Dittmer.  

      Bessere Behandlungsmöglichkeiten
      Ein weiterer wichtiger Faktor, der die Letalität verringert, ist der Fortschritt der Behandlungsmöglichkeiten. Zum Beispiel wird heute das antivirale Medikament Remdesivir frühzeitig eingesetzt. Dieses diente ursprünglich zur Behandlung der Viruserkrankung Ebola, wurde jedoch dafür nie zugelassen. "Wir haben nachgewiesen, dass das Medikament bei einer Covid-19-Erkrankung den schweren Verlauf abmildert und die Krankheitsphase um etwa vier Tage verkürzt", so der Infektiologe Gerd Fätkenheuer von der Uniklinik Köln. Zudem sei das Gesundheitssystem in Deutschland besser vorbereitet als im März, sagt Uwe Janssens, Präsident der Deutschen Interdisziplinären Vereinigung für Intensiv- und Notfallmedizin (DIVI). Die Mediziner hätten sehr viel dazu gelernt und seien auch mit Schutzmaterial ausreichend ausgestattet.

      Mögliche Mutation des Virus
      Möglicherweise trägt ein weiterer Faktor zur Ursache der geringen Anzahl von Schwerkranken bei. Laut einer neuen Studie aus Singapur und einer weiteren aus Japan könnte das Virus in eine mildere Variante mutieren. Schon im Juni hatte auch Christian Drosten, Virologe der Berliner Charité, darauf hingewiesen, dass sich das Virus durch mögliche Mutationen besser in der Nase replizieren könne. Dadurch würde Corona zu einem harmlosen Schnupfen werden. Virologe Ulf Dittmer bezeichnete die Mutationen des Virus als "Evolution in Echtzeit", da sich die RNA-Viren immer verändern würden. Doch er wies darauf hin, dass diese Veränderungen eher lokal auftreten und bis ein bestimmter Virustyp einen anderen weltweit ersetzt dauere es häufig Jahre. So ist es nicht auszuschließen, dass in Deutschland lokale Mutationen zu "harmloseren" Krankheitsverläufen führen würden. Doch vor allem die erhöhten Testungen und verbesserten medizinischen Behandlungen im stabilen Gesundheitssystem sind für die geringe Sterblichkeitsrate in Deutschland bedeutend.

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