• 12.08.2020
      09:15 Uhr
      corona nachgehakt Welche Lehren ziehen wir aus dem Fall Tönnies? | phoenix
       

      Im Juni kam es beim Fleischverarbeiter Tönnies zu massiven Corona-Ausbrüchen. Nach Angaben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann stehen mit dem Unternehmen bislang insgesamt 2119 Krankheitsfälle in Verbindung, bei weiteren 67 Infektionen sei ein Zusammenhang möglich. Welche Lehren lassen sich aus den Ereignissen im Fall Tönnies ziehen? Darüber spricht phoenix-Moderator Alfred Schier im neuen Format Corona nachgehakt mit Prof. Martin Exner (Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Uni Bonn).

      Mittwoch, 12.08.20
      09:15 - 09:30 Uhr (15 Min.)
      15 Min.
      Stereo

      Im Juni kam es beim Fleischverarbeiter Tönnies zu massiven Corona-Ausbrüchen. Nach Angaben von NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann stehen mit dem Unternehmen bislang insgesamt 2119 Krankheitsfälle in Verbindung, bei weiteren 67 Infektionen sei ein Zusammenhang möglich. Welche Lehren lassen sich aus den Ereignissen im Fall Tönnies ziehen? Darüber spricht phoenix-Moderator Alfred Schier im neuen Format Corona nachgehakt mit Prof. Martin Exner (Direktor des Instituts für Hygiene und Öffentliche Gesundheit der Uni Bonn).

       

      Rund vier Wochen lang stand das Tönnies-Werk in Rheda-Wiedenbrück still. Für die Bewohner der Kreise Gütersloh und Warendorf galten zeitweise wieder verschärfte Hygieneregeln und Kontaktbeschränkungen, um die Ausbreitung möglichst einzugrenzen. Außerdem lösten die Vorfälle eine Debatte über die Arbeitsweise und -verhältnisse innerhalb der Fleischindustrie aus.

      In einer neuen Studie wurde nun die Verbreitung von Sars-CoV-2 im Tönnies-Werk rekonstruiert. Demnach übertrug ein Mitarbeiter im Mai 2020 die Krankheit auf mehrere Personen im Umkreis von 8 Metern. Zu diesem Ergebnis kommen Forscher des Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI), der Uniklinik Hamburg-Eppendorf und des Leibniz-Instituts für Experimentelle Virologie (HPI), die die Standorte der Mitarbeiter und deren Infektionsketten anhand von Virussequenzen analysierten.

      Dem Mitautor der Studie, Adam Grundhoff, zufolge sei damit ein Superspreader-Vorgang für den Ausbruch innerhalb des Unternehmens gefunden worden. Darüber hinaus konnte nachgewiesen werden, dass die bei Tönnies gefundenen Virussequenzen zuvor in einem Werk einer Westfleisch-Tochter in Dissen in Niedersachsen auch eine Rolle gespielt haben, wie der Braunschweiger Professor erklärte. Bisher wurden die Studienergebnisse allerdings noch nicht in einem Fachjournal publiziert, sondern lediglich auf eine sogenannte Preprint-Plattform gestellt.

      Die hauptsächliche Übertragung bei Tönnies habe der Studie zufolge in der Rinderzerlegung stattgefunden. "Unsere Ergebnisse weisen darauf hin, dass die Bedingungen des Zerlegebetriebs die Aerosolübertragung von SARS-CoV-2-Partikeln über größere Entfernungen hinweg förderten", so Grundhoff. Dazu gehöre die niedrige Temperatur, eine geringe Frischluftzufuhr und eine konstante Luftumwälzung durch eine Klimaanlage in Kombination mit anstrengender körperlicher Arbeit. "Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Faktoren generell eine entscheidende Rolle bei den weltweit auftretenden Ausbrüchen in Fleisch- oder Fischverarbeitungsbetrieben spielen", erklärte der Forscher weiter. Unter diesen Bedingungen sei ein Abstand von 1,5 bis drei Metern alleine ganz offenbar nicht ausreichend, um eine Übertragung zu verhindern.

      In der Fleischzerlegung wird die Luft durch Umwälzung auf 10 Grad gekühlt. Bereits im Juni hatte der Bonner Hygiene-Professor Martin Exner die Luftumwälzung als einen möglichen Faktor für die Virus-Ausbreitung angeführt, nachdem er die Arbeitsbedingungen im Werk analysiert hatte. Um das Verteilen des Virus über die Luft zu verhindern, hatte Tönnies daraufhin neue Filter-Anlagen installiert.

      Exner hatte damals außerdem die Vermutung aufgestellt, dass auch die Wohnsituation der Arbeiter einen Einfluss auf die Verbreitung des Virus genommen haben könnte. Allerdings betonen die Forscher aus Hamburg und Braunschweig nun, dass diese während der untersuchten Phase keine wesentliche Rolle gespielt habe.

      "Unsere Studie beleuchtet SARS-CoV-2-Infektionen in einem Arbeitsbereich, in dem verschiedene Faktoren aufeinandertreffen, die eine Übertragung über relativ weite Distanzen ermöglichen", sagte Melanie Brinkmann, Professorin und Forschungsleiterin am HZI in Braunschweig. Es stelle sich nun die wichtige Frage, unter welchen Bedingungen Übertragungsereignisse über größere Entfernungen in anderen Lebensbereichen möglich seien. Diese Frage wird sich vermutlich nur durch weitere Studien klären lassen.

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