• 27.01.2020
      20:15 Uhr
      Exodus? Eine Geschichte der Juden in Europa | phoenix
       

      Zu Beginn der ersten Folge begibt sich Prof. Christopher Clark auf Spurensuche in Israel. Mit dem Tempel Jahwes in Jerusalem, dessen bekanntester Rest die berühmte Klagemauer ist, entstand in der Antike das religiöse und politische Zentrum der Juden. Die vor Jahrzehnten bei Qumran am Toten Meer gefundenen Schriftrollen sind ein weiterer Schlüssel zum Verständnis jüdischer Kultur. Israelische Archäologen und Restauratoren erläutern Clark die uralte, tiefgreifende Beziehung zwischen diesen Texten und der Geschichte der Juden.

      Montag, 27.01.20
      20:15 - 21:00 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      Stereo

      Zu Beginn der ersten Folge begibt sich Prof. Christopher Clark auf Spurensuche in Israel. Mit dem Tempel Jahwes in Jerusalem, dessen bekanntester Rest die berühmte Klagemauer ist, entstand in der Antike das religiöse und politische Zentrum der Juden. Die vor Jahrzehnten bei Qumran am Toten Meer gefundenen Schriftrollen sind ein weiterer Schlüssel zum Verständnis jüdischer Kultur. Israelische Archäologen und Restauratoren erläutern Clark die uralte, tiefgreifende Beziehung zwischen diesen Texten und der Geschichte der Juden.

       

      Zu Beginn der ersten Folge begibt sich Prof. Christopher Clark auf Spurensuche in Israel.

      Mit dem Tempel Jahwes in Jerusalem, dessen bekanntester Rest die berühmte Klagemauer ist, entstand in der Antike das religiöse und politische Zentrum der Juden. Die vor Jahrzehnten bei Qumran am Toten Meer gefundenen Schrift­rollen sind ein weiterer Schlüssel zum Verständnis jüdischer Kultur. Israelische Archäologen und Restauratoren erläutern Clark die uralte, tiefgreifende Beziehung zwischen diesen Texten und der Geschichte der Juden. Die Tora wurde zum Kern jüdischer Identität, vor allem nach der Eroberung Jerusalems durch die Römer und der Zerstörung des Tempels. Seitdem bildet die Heilige Schrift die große Klammer, die das jüdische Volk in der Diaspora zusammenhält, sie wurde zum "portativen Vaterland", wie der Dichter Heinrich Heine bemerkte, einer Heimat zum Mit­nehmen. Sie hat die Wanderschaft der Juden über alle Zeiten und Kontinente hinweg bis heute begleitet.

      Christopher Clark reist auch zu den Zentren jüdischen Lebens in Europa. Als das römische Reich im vierten Jahrhundert christlich wurde, siedelten Juden schon überall auf dem Kontinent. Vor allem in Sepharad, der iberischen Halbinsel, in Südfrankreich und in Aschkenas – hebräisch für die deutschsprachigen Länder. Die drei Gemeinden Speyer, Worms und Mainz galten im frühen Mittelalter als "Jerusalem am Rhein". Viele Herrscher, auch Karl der Große, stellten jüdische Bewohner als gleichwertige Bürger unter ihren Schutz. Die schriftkundigen, vielsprachigen Juden mit ihren Handelskontakten waren willkommene Entwicklungshelfer in den aufblühenden Städten, auch wenn sie ein für Christen rätselhaftes, durchritualisiertes Leben führten.

      Zwei Faktoren trugen dazu bei, dass diese Haltung im Verlauf des Mittelalters in offene Feindseligkeit umschlug. Zum einen das Entstehen von christlichen Handwerkszünften, zu denen Juden nicht zugelassen waren. Zum anderen das Zinsverbot für Chris­ten, das es untersagte, anderen Christen gegen Zinsen Geld zu verleihen. Aus den meisten Berufen per Gesetz verdrängt, nutz­ten Juden häufig diese Nische und wurden Geldverleiher. So kam das Feindbild vom "geldgierigen Juden" in die Welt. Zur großen Zäsur für die Juden Europas wurden die Kreuzzüge. Beim Durch­zug der Kreuzfahrerheere kam es zu schweren Judenverfol­gungen in Frankreich und Deutschland. Es waren die ersten großen Pogrome des Abendlandes.

      Trotz aller Schutzbemühungen der Kaiser verschlimmerte sich die Lage der Juden in Zentraleuropa. Gründe, die Juden zu verfolgen, gab es aus christlicher Perspektive genug: Die Juden galten als Christus-Mörder. Sie assimilierten sich nicht, hielten stattdessen an ihrer Religion fest. Immer häufiger mussten sie als Blitzableiter für Krisensituationen herhalten. Vor allem als 1347 die Pest aus­brach, die in knapp zehn Jahren ein Drittel der europäischen Bevölkerung dahinraffte. Angeblich hätten Juden die Brunnen vergiftet – ein folgenschweres Gerücht, das die größte Verfol­gungs- und Vernichtungsaktion in der Geschichte der Juden vor der Schoah zur Folge hatte.

      1492 wurden die sephardischen Juden aus Spanien vertrieben. Sie zogen unter anderem in den Maghreb und das Osmanische Reich. Die meisten Aschkenasim hatten zuvor in Polen Schutz gesucht, wo bald mehr als zwei Drittel aller europäischen Juden lebten. In Krakau, Lublin, Lemberg und Vilnius gründeten sie ihre Gemeinden, für die der Begriff Schtetl sinnbildlich steht.

      Prof. Clark sieht sich in einem weiteren Zentrum jüdischer Kultur um: in Prag. Hier erlebten Juden in der frühen Neuzeit ein "Goldenes Zeitalter". Im 17. Jahrhundert gewannen sie als Kreditgeber und Hoffaktoren, als Kaufmänner an Europas Fürstenhöfen, enormen Einfluss. Das zeigt das Beispiel von Joseph Süß Oppenheimer (1698-1738). Der Finanzminister des Herzogs von Württemberg führte effektive, aber unbeliebte Reformen durch. Nach dem Tod seines Herrn wurde er verhaftet, zu Unrecht verurteilt und öffentlich hingerichtet. Der Nazi-Propa­gandastreifen "Jud Süß", der zur ideologischen Vorbereitung des Holocaust diente, stilisierte ihn später zum Inbegriff des geldgie­rigen Juden.

      Die Rothschilds aus dem Frankfurter Ghetto dagegen machten sich nicht von einem Herrscher abhängig. Gründervater Mayer Amschel Rothschild, geboren 1744, begann mit einfachen Wech­selgeschäften und verteilte seine fünf Söhne strategisch über den ganzen Kontinent. Bald zählten die Herrscher Europas zu ihren Kunden – das Haus Rothschild wurde zu einer der erfolgreichsten Bankdynastien und existiert noch heute.

      Aber die Mehrheit der Juden wurde im 18. Jahrhundert arm. Die Ghettos waren überfüllt. Heimatlos irrten immer mehr besitzlose Juden von Stadt zu Stadt. Hoffnung auf Besserung für die Lage der jüdischen Mehrheit brachte die Französische Revolution mit ihren Ideen von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. Der Einfluss der Kirche auf den Staat wurde geringer. Die alte Feudalgesellschaft und ihre Zunftzwänge lösten sich auf. Der große Dichter der Aufklärung, Gotthold Ephraim Lessing, wagte es 1783 zum ersten Mal in der Geschichte des deutschen Theaters, die Figur eines "edlen Juden" auf die Bühne zu bringen: Nathan den Weisen.

      Auch das Judentum selbst wurde von den Idealen der Aufklärung erfasst, wie das Beispiel des Philosophen Moses Mendelssohn zeigt. Den einen gilt er als Vorreiter einer jüdischen Emanzipa­tion, den anderen als Verräter an der Religion und traditionellen Lebensweise. Eine berühmte Vertreterin eines aufgeklärten Judentums ist auch Rahel Varnhagen, die Ende des 18. Jahrhunderts in Berlin einen berühmten Salon führte. Sie sagte sich mehr und mehr von ihren jüdischen Wurzeln los, eignete sich die Bildung an, die ihr als Frau versagt geblieben war, und empfing in ihrer Berliner Wohnung jeden, der Rang und Namen hatte. Damals kam es zu einer Aufspaltung des Judentums. In Abgrenzung zu den "Reformjuden" lebten Orthodoxe weiter ein Leben, in dessen Zentrum die Tora steht. Sie hielten den Sabbat heilig, aßen koscher, für sie war das ganze Leben ein Gottesdienst. Bis heute leben auf der ganzen Welt Nachkommen dieser auf Tradition und die Ursprünge hin orientierten, nun orthodox genannten Juden.

      Die Emanzipation der Juden, das heißt die Abschaffung antijüdi­scher Gesetze, die sich nach den napoleonischen Kriegen auch in Deutschland langsam durchsetzte, erzeugte neue Konflikte. Viele Bürger fürchteten die Konkurrenz durch Juden, die jetzt erstmals Zugang zu allen Berufen und Ämtern hatten. Zudem förderte der aufkeimende Nationalismus antisemitische Tendenzen. Die Zuge­hörigkeit zur Nation wurde weniger kulturell als völkisch interpre­tiert, als eine Sache des "Blutes". Dadurch wurden Juden aufs Neue ausgegrenzt.

      Das musste auch der junge Theodor Herzl, Sohn einer säkulari­sierten jüdischen Familie aus Ungarn, erfahren. 1894 bis 1895 berichtete er als Korrespondent einer Wiener Zeitung über den Prozess gegen den jüdischen Hauptmann Dreyfus, der unschuldig wegen Landesverrats zu lebenslanger Haft verurteilt wurde. Die antisemitische Hetze und die Ausschreitungen gegen Juden, die den Prozess begleiteten, ließen Herzl zu dem Schluss kommen, dass Vernunft und Assimilation gegen Judenhass wirkungslos seien. Sein Traum vom "Judenstaat", der allein wirklichen Schutz bieten könne, begründete den Zionismus.

      Die Mehrzahl der deutschen Juden stand dem Zionismus skep­tisch gegenüber. Sie wollten lieber in ihrem Deutschland bleiben. Sie wa

      ren der festen Überzeugung, dass es möglich ist, Deut­scher zu sein und Jude. Ein Traum, der für sie im deutschen Kaiserreich nahezu in Erfüllung zu gehen schien.

      Film von Gero von Boehm, Susanne Utzt und Peter Hartl

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programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 31.05.2020