• 11.03.2010
      20:15 Uhr
      Lampedusa Spielfilm Italien/Frankreich 2002 (Respiro) | arte
       

      Grazia liebt ihre Familie. Und die Familie liebt Grazia, auch wenn sie als Ehefrau und Mutter immer wieder peinliche Situationen und Gerede heraufbeschwört. Als sie deswegen in klinische Behandlung gezwungen werden soll, verschwindet Grazia spurlos.

      Donnerstag, 11.03.10
      20:15 - 21:45 Uhr (90 Min.)
      90 Min.
      Stereo

      Grazia liebt ihre Familie. Und die Familie liebt Grazia, auch wenn sie als Ehefrau und Mutter immer wieder peinliche Situationen und Gerede heraufbeschwört. Als sie deswegen in klinische Behandlung gezwungen werden soll, verschwindet Grazia spurlos.

       

      Lampedusa in den 80ern, eine Fischerinsel zwischen Sizilien und dem nördlichen Afrika, auf der die Vespa das wichtigste Fortbewegungsmittel ist: Hier folgt das Leben den Regeln der Tradition, und obwohl raue Sitten herrschen, weiß jeder, was er sich und der Dorfgemeinschaft schuldet. Das Land ist felsig und karg, dafür entschädigt das satt blaue Meer rundherum.
      Im Mittelpunkt des Films steht die Familie des 13-jährigen Pasquale. Er ist der Anführer einer am Strand herumlungernden Jungenbande, die sich gelegentlich mit der rivalisierenden Gruppe schlägt und dabei leicht die Grenze zur Demütigung überschreitet. Seine Abende verbringt Pasquale mit seinem vorlauten jüngeren Bruder und den anderen auf der Via Roma, der Hauptstraße des Dorfs, wo sie fein geschniegelt und gebügelt Mädchen anmachen.
      Pasquales Vater, der Fischer Pietro, ist ein Mann mit Herz, das hinter einer harten Schale schlägt. Wenn es um die Familienehre geht, ist er durchaus bereit, das Hinterteil seines Sprösslings zu versohlen. Im Mittelpunkt der Familie steht allerdings Pasquales Mutter Grazia, deren übersprudelnde Gefühle sowohl ins positive als auch ins negative Extrem reichen.
      Auf der einen Seite hat sie eine unbändige Lebenslust und empfindet sinnliche Liebe für ihre Familie. Diese geht so weit, dass sie zu ihren Söhnen - vor allem zu Pasquale - durch den Wunsch nach körperlicher Nähe fast so etwas wie eine exklusive Liebesbeziehung unterhält. Eher Komplizenschaft als mütterliche Gefühle scheint Grazia mit ihren drei Kinder zu verbinden, legt sie doch eine ähnliche unschuldige Kindlichkeit an den Tag, beispielsweise wenn sie mit ihren Söhnen Nacktbaden geht oder mit den Jungen Schminken spielt. Sie bringt ihre Familie damit immer wieder in peinliche Situationen und überschreitet Regeln, ohne sich dessen gewahr zu werden. Sogar ihre Tochter Marinella scheint trotz ihrer pubertären Annäherungsversuche an den neuen Dorfpolizisten "erwachsener" als Grazia.
      Grazias dunkle Seite sind ihre emotionale Ausbrüche bei jeder Art von Gewalt gegen sie oder andere. Als sie die Tore des Tierheims öffnet, um die dort eingesperrten Hunde vor dem Tod zu retten, ist das Maß voll. Die Dorfgemeinschaft, allen voran Pietros Mutter, verlangen von ihm, Grazia nach Mailand in die Nervenheilanstalt zu schicken. Ihre Andersartigkeit ist für die Menschen am Ort nicht akzeptabel. Als Pietro Grazia die Entscheidung, sie nach Mailand zu bringen, vor versammelter Runde eröffnet, flippt sie aus und läuft davon. Von Pasquale in einer Felsengrotte am Meer versteckt, wird Grazia von dem von Pietro angeführten Suchtrupp nicht gefunden und schließlich für tot gehalten.
      In der Nacht von San Bartolo türmen die Kinder von Lampedusa riesige Scheiterhaufen auf, um den Inselheiligen gebührend zu feiern. Im Licht der Feuer im Meer spürt Pietro die Anwesenheit seiner Frau und es kommt zu einer surrealen Wiedervereinigung am Meeresgrund, an der schließlich auch Grazias Kinder und die Bewohner Lampedusas teilnehmen.

      Der Regisseur Emanuele Crialese zählt zu den Überraschungstalenten der neuen Generation italienischer Filmemacher.1965 in Rom geboren, absolvierte er an der Tish School of Arts in New York sein Filmstudium. Neun Jahre lebte und arbeitete er in den USA und drehte dort auch seinen ersten langen Spielfilm "Once We Were Strangers", der 1998 beim Sundance Film Festival für den Großen Preis der Jury nominiert wurde. Mit "Lampedusa" kehrt Crialese zu seinen italienischen Wurzeln zurück.
      Verankert in der Tradition des Neorealismus, erzählt der Film feinfühlig, verführerisch sinnlich, aber auch in nicht geschönter Härte vom Leben in einem Fischerdorf und der Seelenlandschaft einer Frau, die sich den Regeln einer isolierten Gemeinschaft nicht anpassen will. Da der Film nicht erklärt, sondern der Macht seiner Bilder vertraut, wirkt er stärker über die physische als intellektuelle Ebene: das flirrende Licht, der fast spürbare Schweiß auf braungebrannter Haut oder der Gegensatz zwischen tiefblauem Meer und ausgeblichenen Farben des von der Sonne verbrannten Landes. Und doch wirken beispielsweise das symbolische Verfangen Grazias in einem Fischernetz oder die Unterwasseraufnahmen wie eine Metapher für diese Frau, der eindeutig das Meer als ihr Element zugeordnet wird. Crialese geht es nicht darum, das soziale Gefüge auf einer italienischen Insel in den 80ern darzustellen, sondern es im Tonfall einer bildgewaltigen Legende in Erinnerung zu rufen.
      "Lampedusa" lief in der "Semaine de la critique" in Cannes 2002 und wurde mit dem Hauptpreis und dem Publikumspreis ausgezeichnet; vor allem wurde auch die Hauptdarstellerin Valeria Golino für ihre einzigartige Schauspielleistung gerühmt. Die internationale Aufmerksamkeit von "Lampedusa" gerade in Arthouse-Kreisen gibt der gegenwärtigen Wiedergeburt des italienischen Kinos zusätzlich Rückenwind. ARTE zeigt den Film im Rahmen einer kleinen Hommage an Emanuele Crialese: Zuerst ist sein neuester Film "Golden Door" am 4. März um 20.15 Uhr in Erstausstrahlung zu sehen, von ARTE koproduziert, und nun der Film, der ihm den Durchbruch brachte: "Lampedusa

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      Donnerstag, 11.03.10
      20:15 - 21:45 Uhr (90 Min.)
      90 Min.
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