• 25.02.2012
      11:00 Uhr
      alpha-Campus DOKU Gesellschaft in Not - Retten Freiwillige das Sozialsystem? | ARD-alpha
       

      Über Jahrzehnte hat Deutschland in einer Art sozialpolitischem Schlaraffenland gelebt: Im Durchschnitt 80.000 junge Männer haben jedes Jahr Zivildienst geleistet.

      Samstag, 25.02.12
      11:00 - 11:30 Uhr (30 Min.)
      30 Min.
      Stereo

      Über Jahrzehnte hat Deutschland in einer Art sozialpolitischem Schlaraffenland gelebt: Im Durchschnitt 80.000 junge Männer haben jedes Jahr Zivildienst geleistet.

       

      Neun Monate lang haben sie Krankenhäuser, soziale und karitative Einrichtungen mit ihrer Arbeitskraft unterstützt. Doch seit der Abschaffung der allgemeinen Wehrpflicht und damit auch des Zivildienstes ist im deutschen Sozialsystem eine riesige Lücke entstanden.

      Noch mehr als früher ist Deutschland auf Freiwillige angewiesen. Denn ohne den schlecht bis gar nicht bezahlten Einsatz hunderttausender Menschen in Deutschland würde unser Sozialsystem wahrscheinlich zusammenbrechen.

      Freiwillige sollen jetzt die Zivildienstleistenden ersetzen. Doch können die Bürger wirklich die Lücken im Sozialsystem schließen oder muss der Staat mehr Verantwortung übernehmen? Dieser zentralen Frage widmet sich Campus Doku "Gesellschaft in Not - Retten Freiwillige das Sozialsystem?"

      Fünf Monate nach der Einführung des Bundesfreiwilligendienstes sind zwar viele Stellen besetzt. Doch nicht alle Institutionen finden genügend Freiwillige. Die Sozialpädagogin Sabine Karpf ist seit ihrer Geburt spastisch gelähmt. Für ihre Arbeit bei der Schuldnerberatung der Caritas braucht sie einen Assistenten, der ihr bei der Büroarbeit und am Computer hilft. Obwohl sie schon vier Monate intensiv mit Hilfe der Vereinigung für Integrationsförderung sucht, hat sie noch keinen Bundesfreiwilligen für ihre Stelle begeistern können - für sie eine existentielle Bedrohung, weil sie ohne Assistenz ihre Stelle aufgeben müsste.

      Julian Wattenberg ist einer der Bundesfreiwilligen, die Sabine Karpf sucht. Bei der Pfennigparade in München engagiert er sich voll beim Schichtdienst in der Abteilung für Schwerstbehinderte. Auch wenn die Arbeit hart ist, sieht er die hier verbrachte Zeit auch als Möglichkeit, sich im Leben neu zu orientieren. Dabei bringt er wie viele andere Freiwillige eine Qualität mit ein, die Pflegeprofis sich oft nicht leisten können: Spontaneität und Zeit für den menschlichen Kontakt. Mit jungen Leuten wie ihm, könnten im Sozialsystem viele Lücken geschlossen werden. Doch der Psychologe Prof. Dr. Heiner Keupp warnt davor, dass sich wegen der immer kürzen Ausbildungszeiten in den Schulen und Universitäten, immer weniger junge Leute ehrenamtlich engagieren.

      Noch wird der Mangel an Nachwuchs bei den Freiwilligen von den Älteren ausgeglichen. Der Ingenieur Werner Liebhart z.B. hilft ehrenamtlich einer irakische Familie, in Deutschland Fuß zu fassen und taucht dabei in eine völlig fremde Welt ein. Er hat seine Aufgabe von der Stadt vermittelt bekommen. In Nachbarschaftshilfen organisieren sich die Bürger auch zunehmend selbst. Über die Nachbarschaftshilfe Moosach hat Hannah Friederich, die ihre Mutter täglich pflegen muss, wenigstens einmal die Woche Entlastung für sich gefunden.

      Der Pflegekritiker Claus Fussek fasst zusammen: Wenn der Staat nicht bereit oder nicht in der Lage dazu ist, mehr Geld für den Sozialbereich auszugeben, dann muss er sich jede Hilfe holen, die er bekommen kann und dazu gehören ganz wesentlich auch Freiwillige. Die große Herausforderung für die Freiwilligen ist, sich nicht vereinnahmen zu lassen und Unterstützung und Anerkennung aktiv einzufordern. Wie das funktionieren kann, wird besonders in München mit immer größerem Aufwand erprobt.

      Campus Doku geht auch der Frage nach, warum sich so viele - gerade auch junge - Menschen im sozialen Bereich freiwillig einsetzen. Folgen sie einem tiefen menschlichen Bedürfnis oder lassen sie sich von einer erfolgsorientierten Gesellschaft "ausnutzen", die nicht bereit ist, für soziale Arbeit das zu bezahlen, was sie eigentlich wert ist? Am Beispiel von Freiwilligen zeigt der Film wie wertvoll ihre Arbeit für das Sozialsystem ist und wagt dabei einen Blick zwischen Gegenwart und Zukunft: Wie soll bürgerschaftliches Engagements künftig aussehen und welchen Stellenwert hat es schon heute?

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      Samstag, 25.02.12
      11:00 - 11:30 Uhr (30 Min.)
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