• 22.11.2011
      15:45 Uhr
      Horch, was kommt von draußen rein Lieder zum Mitsingen | ARD alpha
       

      Sie wird gemieden, verspottet, gepflegt und heiß geliebt: Volksmusik spaltet die Geister. Schuld daran ist der Missbrauch durch Nazis, volkstümelnde Schunkelbarden und Geschäftemacher.

      Dienstag, 22.11.11
      15:45 - 16:15 Uhr (30 Min.)
      30 Min.
      Stereo

      Sie wird gemieden, verspottet, gepflegt und heiß geliebt: Volksmusik spaltet die Geister. Schuld daran ist der Missbrauch durch Nazis, volkstümelnde Schunkelbarden und Geschäftemacher.

       

      Mit echter Volksmusik hat das alles nichts zu tun. Die ist anders, richtig gut und eine (Wieder-)Entdeckung wert.

      1773 erfand der Theologe, Schriftsteller, Sprachforscher, Geschichts- und Kulturphilosoph Johann Gottfried Herder (1744-1803) etwas, das es eigentlich gar nicht gibt. Die Rede ist vom Volkslied. Genauer gesagt vom aufgeschriebenen, immer wieder unverändert nachgesungenen, einem bestimmten Autor oder Komponisten zugeordneten Volkslied. Und noch etwas potenziell Gefährliches lag, wenn auch unbeabsichtigt, in Herders schwärmerischer Definition. Sie feierte das nationale Element, die "nationale Eigenart", den "inneren Ton" einer "dichtenden Volksseele".

      Zu Herders Zeit war derlei eine ausgesprochen moderne, auf die Romanik voraus weisende Auffassung und frei von jeder krankhaft patriotischen Vereinnahmung. Für den üblen nationalistischen Beigeschmack haben andere, spätere Generationen gesorgt, und das reichlich. Bereits im 19. Jahrhundert wurde das "Volkslied" zunehmend patriotisch ideologisiert. Einen unrühmlichen Gipfel setzte schließlich der Missbrauch des Volkslieds durch den Nationalsozialismus, der es zum Instrument der Ideologisierung und Manipulation pervertierte.

      Die Nachwirkungen dieser Beschlagnahme durch ewig Gestrige und deutschtümelnde Kreise sind bis heute spürbar. Das Volkslied ist verdächtiges oder sogar "kontaminiertes" Terrain. Bei vielem Menschen steht die Volksmusik noch immer im Geruch des Rückwärtsgewandten, Nationalistischen, Lebensfernen und Verkitschten. Begriffliche Neuschöpfungen wie Folks-Musik, Volklore, Deutsch-Folk, Volxmusik oder Volx-Musig versuchen, den Spuk der braunen Vergangenheit loszuwerden. Sie zeigen aber auch, dass es nach wie ein Bedürfnis danach gibt, das was Volksmusik vielleicht wirklich ist, neu zu beleben.

      Kinder haben mit diesem natürlichen Bedürfnis wenig Probleme. Sie singen gern, sie singen gerne gemeinsam und sie singen gerne Volkslieder. Vorausgesetzt, man lässt sie und zeigt ihnen, wie es geht und wie es Spaß machen kann. Genau das tut der Film. Er berichtet davon, wie die 5. Klasse einer Münchner Hauptschule mehrere zunächst gesungene und dann auch instrumental begleitete Volkslieder sowie einfache Tänze einübt.

      Ein Schwerpunkt liegt dabei auf der Vorbereitung der Singstimme. Die Klasse beginnt mit körperlichen Lockerungs- und einfachen Atemübungen. Darauf folgen das Singen auf Tonsilben und weitere Übungen zur Öffnung der Resonanzräume (Gähnen). Zuletzt schließen Lautspiele mit Vokalen die Einsingphase ab. Bevor die Klasse einfache Schlaginstrumente und schließlich Flöten zur Liedbegleitung einsetzt, stehen rhythmische Übungen und die Begleitung mit Körperinstrumenten ("Body-Percussion") auf dem Programm.

      Im Zentrum der eingestreuten musikgeschichtlichen Abschnitte stehen zwei Aspekte: erstens die Herkunft und der historische Gebrauch des Volkslieds, zweitens die Sammlung von Volksliedern als Grundstock der Überlieferung. Als Beispiel für die Sammeltätigkeit des 19. Jahrhunderts zeichnet der Film ein kurzes Portrait Franz-Wilhelm von Ditfurths (1801-1880), der 1855 sein zweibändiges Werk "Fränkische Volkslieder" vorlegte. Ditfurths zu seiner unerkannter Vorzug bestand darin, dass er im Unterschied zu vielen anderen Sammlern auf redigierende Eingriffe verzichtete und das Traditionsgut im vorgefundenen Rohzustand überlieferte.

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      Dienstag, 22.11.11
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