• 16.01.2021
      10:00 Uhr
      Sehen statt Hören Wochenmagazin für Hörgeschädigte | ARD-alpha
       
      • Ausbildung heute - Berufsbildungswerke im Wandel

      In der Vergangenheit waren Berufsbildungswerke eine mehr oder weniger geschlossene Einrichtung, wo Berufsschule und Ausbildung unter einem Dach angeboten wurden - vom wirklichen Alltag in Betrieben bekam man wenig mit. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Berufsbildungswerke verstehen sich heute als Sprungbrett in die Inklusion.
      Wie das gelingen kann, hat das Team von "Sehen statt Hören" sich in Leipzig, Winnenden und Husum angeschaut.

      Samstag, 16.01.21
      10:00 - 10:30 Uhr (30 Min.)
      30 Min.
      • Ausbildung heute - Berufsbildungswerke im Wandel

      In der Vergangenheit waren Berufsbildungswerke eine mehr oder weniger geschlossene Einrichtung, wo Berufsschule und Ausbildung unter einem Dach angeboten wurden - vom wirklichen Alltag in Betrieben bekam man wenig mit. Doch diese Zeiten sind längst vorbei. Berufsbildungswerke verstehen sich heute als Sprungbrett in die Inklusion.
      Wie das gelingen kann, hat das Team von "Sehen statt Hören" sich in Leipzig, Winnenden und Husum angeschaut.

       

      Egal ob Schreiner, Maler oder Polsterer: Berufsbildungswerke (BBW) waren die typischen Ausbildungsstätten für Gehörlose und Schwerhörige - abgetrennt vom wirklichen Alltag in den Betrieben. Doch diese Zeiten sind längst vorbei - man ist auf dem Sprung zur Inklusion.

      Theoretische und praktische Ausbildung unter einem Dach, eine Welt für sich - das waren die Berufsbildungswerke bislang. Dass es auch anders geht, das kann man in Winnenden, Leipzig und in Husum sehen.

      Am BBW in Husum machen derzeit rund 700 Jugendliche eine Ausbildung, darunter sind über 200 Hörbehinderte. Ein spezielles Fachteam mit 15 Mitarbeitern, die ebenfalls hörbehindert sind, hilft, die eigene Identität der Auszubildenden zu stärken. Ein großer Wandel wurde hier in den letzten Jahren vollzogen - gerade weil sich Gehörlose und Hörende mischen. Und das ist schon eine Herausforderung.

      "Als ich vor acht Jahren hier gearbeitet habe, war es typisch für die Gehörlosen, dass sie nach der Schule ans BBW gegangen sind. Jetzt kommen andere Auszubildende dazu, die nach der Schule zuerst einmal in einer Firma begonnen haben. Das lief dann schief, sie sind frustriert und kommen schließlich ans BBW, mit einem anderen Anspruch und mit anderer Erfahrung." - Dr. Oliver Rien, Psychologe.

      Eine wichtige Unterstützung - egal ob für Hörbehinderte oder Hörende - ist das Sozialkompetenztraining und Empathieübungen. Aber zunächst muss der Frust in Mut und Perspektive umgewandelt werden. Denn die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt sind größer geworden.

      "Die Anforderungen an gehörlose Menschen sind gewachsen und nicht mehr anders als bei Hörenden. "Ich bin gehörlos, deshalb kann ich das nicht und hab keine Ahnung" ….diese Nische gibt es nicht mehr. Man muss Leistung zeigen. Wir alle müssen uns fortbilden. Wichtig ist, dass sich Gehörlose aktiv kümmern und notwendige Informationen einholen. Sätze wie "Keiner hat mir Bescheid gesagt" und "Das wusste ich nicht" helfen da nicht weiter. Das zu trainieren ist wichtig, um sich auf die veränderten Bedingungen am Arbeitsmarkt einzustellen." - Dr. Oliver Rien, Psychologe.

      Der Arbeitsmarkt ist also anspruchsvoller geworden. Da braucht es die richtige Vorbereitung - und die muss auch außerhalb des BBW stattfinden.

      "Wir bemühen uns sehr, die betrieblichen Kontakte noch stärker auszubauen, unsere jungen Leute stärker an die Betriebe heranzuführen, vor allen Dingen aber die verzahnte Ausbildung stark voranzutreiben. Das heißt, junge Leute machen bis zu anderthalb Jahren in Betrieben, von unseren Kolleginnen und Kollegen begleitet, eine Ausbildung, die aber Ausbildungsinhalte durch den Betrieb vermittelt." - Hans-Jürgen Vollrath-Naumann, BBW Husum.

      Im BBW in Leipzig geht man da noch einen Schritt weiter: Hier wird nur noch der theoretische Unterricht abgehalten, die gesamte praktische Ausbildung läuft außerhalb in einem Betrieb. Der Vorteil für die Azubis ist größtenteils eine bessere Bezahlung und manchmal auch flexiblere Arbeitszeiten - aber ganz wichtig: meist gibt es nach der Ausbildung auch gleich einen festen Arbeitsplatz. Im BBW erhalten sie dann die theoretische Ausbildung, in kleineren Gruppen. Das Berufsbildungswerk unterstützt die Azubis auch sonst in ihren Anliegen, ist Schnittstelle zur Ausbildungsfirma und begleitet sie den ganzen Weg über.

      Ganz anders im Berufsbildungswerk in Winnenden: Hier haben die Jugendlichen die Möglichkeit, ganz außerhalb des BBW ihren Ausbildungsplatz entsprechend ihrer eigenen Vorstellung frei zu wählen. Das BBW leistet dabei die nötige Unterstützung - im Rahmen eines "Persönlichen Budgets", das bei jedem Azubi individuell verhandelt wird. Fast 100 Jugendliche machen ihre Ausbildung bei Betrieben und werden dabei vom BBW begleitet.

      "Bei uns kommt das 'Persönliche Budget' immer dann zum Einsatz, wenn ein junger Mensch mit einem zu uns passenden Behinderungsprofil - Hör, Sprachbehinderung, Autismus - in der Lage ist, eine betriebliche Ausbildung zu machen und für diese Ausbildung aber Unterstützungsl

      eistungen braucht. Und die Bedarfsfeststellung, die läuft dann in Zusammenarbeit mit der Agentur für Arbeit." - Matthias Dettenberg, BBW Winnenden.

      2016 wurden insgesamt nur 600 Anträge zum Persönlichen Budget von der Agentur für Arbeit ausgewiesen. Keine besonders hohe Zahl. Warum nur?

      "Zum einen, denke ich, hat es auch damit zu tun, dass man in bestimmten Regionen in der Bundesrepublik auch gute Anbieter vor Ort hat, die Ausbildungen für schwerhörige Menschen direkt auch gut unterstützen können, so dass man nicht unbedingt dieses 'Persönliche Budget' nehmen muss. Das wäre die eine Möglichkeit. Die andere ist aber sicher auch, dass ein 'Persönliches Budget' einzufädeln, es zu leben, zu organisieren, abzuwickeln - erfordert von beiden Seiten ungemein viel Engagement." - Regina Stoll, Arbeitsagentur Nürtingen

      Die Berufsbildungswerke haben sich gewandelt und öffnen sich neuen Möglichkeiten - mit dem Ergebnis, dass bis zu etwa 70 Prozent aller Abgänger erfolgreich sind auf dem Arbeitsmarkt. Die Chancen stehen also gut für Auszubildende, die sich für diesen Weg entscheiden.

      Willkommen bei "Sehen statt Hören" - der einzigen Sendereihe in der deutschen Fernsehlandschaft, die im Bild sichtbar macht, was man sonst nur im Ton hört! Nicht im "Off", sondern im "On" werden hier die Inhalte präsentiert - mit den visuellen Mitteln des Fernsehens, Gebärdensprache und offenen Untertiteln.

      Zielpublikum sind vor allem die etwa 300.000 gehörlosen, spätertaubten oder hochgradig schwerhörigen Zuschauerinnen und Zuschauern in der Bundesrepublik, die ein solches Programm benötigen, das ihren Kommunikationsbedürfnissen entspricht und ihnen optimale Verständlichkeit ermöglicht, aber auch alle anderen, die sich von den Themen und der ungewöhnlichen Machart angesprochen fühlen.

      In wöchentlich 30 Minuten bringt das vom BR produzierte und in allen Dritten Programmen ausgestrahlte Magazin Informationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, von Arbeitswelt, Familie, Freizeit, Sport über Kunst, Kultur, Bildung, Geschichte bis hin zu politischen, sozialen, rechtlichen und behindertenspezifischen Themen.

      Wird geladen...
      Wird geladen...

programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 19.05.2021