• 07.09.2013
      07:30 Uhr
      Sehen statt Hören Wochenmagazin für Hörgeschädigte | Radio Bremen TV
       

      Notfall - was tun?

      • Probleme Gehörloser mit dem Notruf 110 und 112, bei Katastrophenwarnungen oder in Bergnot. Wann und wie kann hier Barrierefreiheit erreicht werden?

      Moderation: Jürgen Stachlewitz

      Samstag, 07.09.13
      07:30 - 08:00 Uhr (30 Min.)
      30 Min.

      Notfall - was tun?

      • Probleme Gehörloser mit dem Notruf 110 und 112, bei Katastrophenwarnungen oder in Bergnot. Wann und wie kann hier Barrierefreiheit erreicht werden?

      Moderation: Jürgen Stachlewitz

       

      Was macht man als Gehörloser oder Schwerhöriger, wenn man über die Nummer 112 den Notarzt rufen will? Was wenn man auf einer Bergwanderung einen Unfall hat? Oder die Bevölkerung über Radio vor einer Katastrophe gewarnt wird? Gleich drei Moderatoren von Sehen statt Hören gehen zusammen mit Autorin Elke Marquardt diesen Fragen nach - Jürgen Stachlewitz im Studio, Anke Klingemann im Bayerischen Wald und Thomas Zander in Berlin und im Ruhrgebiet.

      Rettung aus Bergnot
      Alexander Brandl aus Cham ist fasziniert von der Bergwacht. Ein Arbeitskollege hat ihn schon öfter zu Übungseinsätzen im Gebiet des Großen Arber mitgenommen, und dabei hat er die Bergretter für die besondere Situation der Gehörlosen sensibilisiert und ein Konzept erarbeitet, wie Gehörlosen in Bergnot am besten geholfen werden kann. Zusammen mit Kameraden von der Bergwacht demonstriert er dem Filmteam das Auffinden und die Bergung eines gehörlosen Verletzten (den er selbst spielt).

      Nur schade, dass sein großer Traum, selbst bei den Rettungseinsätzen mitmachen zu dürfen, derzeit nicht Wirklichkeit werden kann, weil er die Kriterien der Einstellungsuntersuchung, die auch gutes Hören voraussetzen, nicht erfüllt. Ein anderes Ziel hat er aber schon erreicht: Nach einer Ausbildung beim BRK ist er nun der erste gehörlose Erste-Hilfe-Trainer in Deutschland und stößt mit seinen Kursen bei den Gehörlosen in Bayern auf große Nachfrage.

      Das Problem mit dem Notruf
      Eine besonders dramatische Situation hat Frau Garthoff in Rostock erlebt: Während einer Feier mit Gehörlosen bricht im Keller des Hauses ein Brand aus, der beißende Qualm breitet sich nach oben aus, alle retten sich auf den Balkon, nur ihr Mann versucht, über das Treppenhaus zu flüchten. Es gibt keine Möglichkeit, einen Notruf abzusetzen. Als die Feuerwehr eintrifft, werden sie über die Leiter nach unten gebracht. Für ihren Mann kommt jedoch jede Hilfe zu spät, er stirbt, kurz nachdem er gefunden wird.

      Der Deutsche Gehörlosenbund hat schon vor Jahren die Regierung darauf hingewiesen, dass es keinen barrierefreien Notruf für Gehörlose gibt, berichtet Präsidiumsmitglied Wolfgang Bachmann im Interview mit Thomas Zander. Die Ministerpräsidentenkonferenz hat sich schon damit beschäftigt, es gab auch bereits eine europäische Konferenz zu diesem Thema, doch eine Lösung des Problems ist noch nicht in Sicht. Auch die vorhandenen Fax-Notrufe ermöglichen keine "Echtzeit-Kommunikation" wie beim Notruf 110 oder 112 der Hörenden.

      Nur Einzel-Lösungen gibt es schon. Thomas Zander testet eine "Notfall-App" fürs Handy, die von einer privaten Firma entwickelt wurde und die auch die spezielle Kommunikationssituation Hörgeschädigter berücksichtigt. Falls er - wie in diesem Beispiel demonstriert - überfallen würde, müsste er einfach nur den Button "110" drücken. Seine Position wird anhand der Koordinaten sofort geortet, sogar ein Foto wird automatisch mitgeschickt, die Notrufzentrale informiert Polizei oder Rettungskräfte und hält mit ihm SMS-Kontakt. Nur: Die App kostet 6,95 Euro im Monat. Und barrierefreier Notruf muss auf jeden Fall auch kostenfrei sein.

      Warnung im Katastrophenfall
      "Informieren Sie auch ihre hörbehinderten Nachbarn", heißt es oft in Radiodurchsagen bei Katastrophenfällen. Wesentlich fortschrittlicher ist da das vom Fraunhofer Institut entwickelte Katastrophenwarnsystem "Katwarn", das bisher von 13 Städten und Gemeinden in Deutschland genutzt wird. In Berlin hat die Feuerwehr-Leitstelle im letzten Jahr bei einem Großbrand zum ersten Mal "Katwarn" ausgelöst. Die Bewohner der umliegenden Häuser mussten evakuiert werden. Die Warnung ging auch per SMS und E-Mail bei Ingo Barth ein, einem Gehörlosen, der in der Nähe des Brandortes wohnt. Er war selbst nicht zu Hause, konnte aber sofort seine Familie informieren, die von dem Brand noch nichts mitbekommen hatte.

      Der Weg zu einer hundertprozentigen Barrierefreiheit für gehörlose und schwerhörige Menschen in Notsituationen scheint noch weit. Man müsste aber schnell zu Ergebnissen kommen. Darauf wirken auch der Deutsche Gehörlosenbund und der Deutsche Schwerhörigenbund mit ihren Initiativen tatkräftig hin.

      "Willkommen bei Sehen statt Hören" - der einzigen Sendereihe in der deutschen Fernsehlandschaft, die im Bild sichtbar macht, was man sonst nur im Ton hört! Nicht im "Off", sondern im "On" werden hier die Inhalte präsentiert - mit den visuellen Mitteln des Fernsehens, Gebärdensprache und offenen Untertiteln.

      Zielpublikum sind vor allem die etwa 300.000 gehörlosen, spätertaubten oder hochgradig schwerhörigen Zuschauerinnen und Zuschauern in der Bundesrepublik, die ein solches Programm benötigen, das ihren Kommunikationsbedürfnissen entspricht und ihnen optimale Verständlichkeit ermöglicht, aber auch alle anderen, die sich von den Themen und der ungewöhnlichen Machart angesprochen fühlen.

      In wöchentlich 30 Minuten bringt das vom BR produzierte und in allen Dritten Programmen ausgestrahlte Magazin Informationen aus allen gesellschaftlichen Bereichen, von Arbeitswelt, Familie, Freizeit, Sport über Kunst, Kultur, Bildung, Geschichte bis hin zu politischen, sozialen, rechtlichen und behindertenspezifischen Themen.

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