• 26.10.2012
      22:00 Uhr
      Nachtcafé Hauptsache billig? - Talkshow mit Wieland Backes | SWR Fernsehen RP
       

      Ein Friseurbesuch für elf Euro, das T-Shirt für zwei Euro, die Brezel für 29 Cent - auf den ersten Blick ist Deutschland zu einem wahrhaftigen Schlaraffenland für Schnäppchenjäger geworden. Doch die verlockenden Dumpingangebote haben auch ihren Preis. Und den bezahlen letztendlich alle mit: Angestellte werden mit Niedriglöhnen abgespeist, eine naturverträgliche Erzeugung der Produkte ist kaum möglich, Ketten beschleunigen das Aussterben der Fachgeschäfte und Handwerksbetriebe. Der Kunde merkt es schließlich bei der Qualität und Auswahl der Produkte. Warum wird dennoch zum Billigprodukt gegriffen?

      Freitag, 26.10.12
      22:00 - 23:30 Uhr (90 Min.)
      90 Min.
      Stereo

      Ein Friseurbesuch für elf Euro, das T-Shirt für zwei Euro, die Brezel für 29 Cent - auf den ersten Blick ist Deutschland zu einem wahrhaftigen Schlaraffenland für Schnäppchenjäger geworden. Doch die verlockenden Dumpingangebote haben auch ihren Preis. Und den bezahlen letztendlich alle mit: Angestellte werden mit Niedriglöhnen abgespeist, eine naturverträgliche Erzeugung der Produkte ist kaum möglich, Ketten beschleunigen das Aussterben der Fachgeschäfte und Handwerksbetriebe. Der Kunde merkt es schließlich bei der Qualität und Auswahl der Produkte. Warum wird dennoch zum Billigprodukt gegriffen?

       

      Und das, obwohl den meisten die Konsequenzen durchaus bewusst sind? Ist es so verwerflich, den Preiskampf unter den Firmen für den eigenen Geldbeutel zu nutzen? Was muss sich ändern, damit niemand mehr sein gutes Gewissen an der Kasse ausblenden muss?

      Die Gäste:

      Kleine Preise sind das Geschäftsprinzip von Ramschkönig Alexander Walzer. In seinem Billigkaufhaus bringt derehemalige Staubsaugervertreter mit ungewöhnlichen Verkaufsmethoden lautstark Rabattartikel und Aktionsware an den Mann. Seine Ware bezieht er unter anderem aus Firmenpleiten, Versteigerungen und Überproduktionen. Sein Geschäft rechnet sich über die Masse: "Jeder schaut, wo er bleibt und will ein Schnäppchen machen."

      "Billiganbieter, die den Konsumrausch noch weiter ankurbeln, sind für mich eine Beleidigung", sagt Claudia Langer. Die Umweltaktivistin glaubt, dass der Kunde nachhaltig die Welt verändern kann, wenn er nur zu den richtigen Produkten greift. Auf ihrer Internetplattform Utopia gibt sie Tipps für nachhaltiges Einkaufen, plädiert für faire Herstellungsbedingungen und für ein Umdenken bei unserem Konsumverhalten.

      "Auch beim Friseur zählt nur noch der Preis". Akkordarbeit beim Haareschneiden war bitterer Berufsalltag der Friseurmeisterin. Zwei Jahre lang arbeitete sie als Salonleiterin in einer Billigfriseurkette und erlebte dort haarsträubende Arbeitsbedingungen: Täglicher Mindestumsatz, kaum Pausen, wenig Geld. Nachdem sie ihren Arbeitgeber gewechselt hat, geht sie wieder gerne zur Arbeit.

      Sein Leben war die Backstube, doch seit vier Wochen ist dort der Ofen aus. Billigbrötchen von der Konkurrenz haben Bäckermeister Andreas Meiburg beruflich das Genick gebrochen und damit eine 70-jährige Familientradition beendet. "Im Laufe der Jahre gab es eine deutliche Veränderung hin zur Geiz-ist-Geil-Mentalität. Die Leute wollen es bequem und günstig und holen sich ihre Brötchen im Supermarkt oder bei der Tankstelle."

      Wie geschnitten Brot verkauft sich seit Jahren der Schnäppchenführer von Heinz Waldmüller: "Die Leute sind markenbewusst, wollen gute Qualität, aber preiswert." Vor 20 Jahren veröffentlichte er die nur als Geheimtipp gehandelten Fabrikverkaufsadressen, damals noch gegen alle Widerstände der Unternehmer. Heute pilgern Massen in die Outlet-Center. Mit seiner Bibel für Sparfüchse hat der Verbraucherjournalist, dessen Kultbuch für Preisbewusste 450 Wochen auf der Bestsellerliste stand, nicht nur im Schwabenländle Geschichte geschrieben.

      "Kaufentscheidungen werden meist mit viel mehr Gefühl als Verstand getroffen. Wenn wir einen Artikel billiger bekommen, als wir dachten, springt in unserem Gehirn unser Lustkern an und freut sich diebisch darüber", weiß Konsumpsychologe Dr. Hans-Georg Häusel. Er untersucht das Kaufverhalten, nutzt dazu neueste Erkenntnisse aus der Hirnforschung und berät zudem Unternehmen in der Kunst der Kaufverführung.

      "Bei uns hat der Kunde beim Kauf ein gutes Gefühl. Wir gestalten Produkte, die Seele haben", sagt Stephan Koziol. Der Hersteller von Designprodukten für den Haushalt fertigt seine Artikel aus hochwertigem Kunststoff ausschließlich im Odenwald. Die Schattenseite des Erfolgs: Seine in langer Arbeit ausgetüftelten Objekte werden häufig von Billiganbietern kopiert. Trotzdem ist Koziol überzeugt, dass sich langfristig nur gute Qualität am Markt behaupten kann.

      An der Bar:

      Brot vom Vortag und Briefumschläge aus Biomülltüten - Peter Danzer ist ein schlauer Sparfuchs. "Ich bin kein Geizhals", betont er, "aber warum soll ich viel Geld ausgeben, wenn es auch anders geht?" Und so sucht der Rentner immer wieder nach neuen Tricks, wie man auf leichte Art sein Geld zusammenhalten kann. Sparen ist für den Franken mit schwäbischen Wurzeln zur Leidenschaft geworden.

      Das Nachtcafé ist keine Arena für Exhibitionisten und Voyeure. Zynismus und Krokodilstränen haben keinen Platz, wohl aber Menschen aller Art, die den Zuschauern etwas zu erzählen haben.

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