• 20.02.2010
      12:20 Uhr
      Nachtcafé Und raus bist Du - die neue Angst vor dem Absturz | SWR Fernsehen RP
       

      Gäste bei Wieland Backes u.a.:

      • Uschi Glas, Schauspielerin
      • Birgit Homburger, Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion
      • Karl Gernholz, Architekt
      • Holger Müller, Zeitarbeiter
      • Andreas Dinges, Deutschland-Chef Adecco
      • Inge Kloepfer, Wirtschaftsjournalistin

      Samstag, 20.02.10
      12:20 - 13:50 Uhr (90 Min.)
      90 Min.
      Stereo

      Gäste bei Wieland Backes u.a.:

      • Uschi Glas, Schauspielerin
      • Birgit Homburger, Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion
      • Karl Gernholz, Architekt
      • Holger Müller, Zeitarbeiter
      • Andreas Dinges, Deutschland-Chef Adecco
      • Inge Kloepfer, Wirtschaftsjournalistin

       

      Stab und Besetzung

      Moderation Wieland Backes

      Aussortiert und abgehängt, verraten und verloren – so fühlen sich immer mehr Menschen, die sich heute am unteren gesellschaftlichen Rand wiederfinden, obwohl sie sich gestern noch im sicheren Sattel der Mittelschicht wähnten. Sie haben das Gefühl, auf ein totes Pferd gesetzt zu haben: den Sozialstaat.
      75 % der Deutschen beklagen einen Mangel an sozialer Gerechtigkeit, sie sehen einen stark wachsenden Abstand zwischen „unten“ und „oben“. Auch die Statistik lässt keine rosige Zukunft erahnen: Allein in Baden-Württemberg nahm die Zahl der Hartz-IV-Empfänger innerhalb eines Jahres um 10 % zu.
      Die Angst geht um, ob man nicht morgen schon selbst der Nächste ist. Fristlose Kündigungen wie bei dem Oberhausener Arbeiter, der sein Handy in seinem Betrieb aufgeladen hatte und deshalb nach 15 Firmenjahren gehen musste, tragen nicht unbedingt zur Beruhigung bei.
      Doch auch wer noch Arbeit hat, lässt sich aus Angst vor Jobverlust auf immer mehr Knebelkonditionen ein: Da wird ein Monatslohn von 1100 Euro brutto für eine Diplom-Betriebswirtin gezahlt bei einer 47,5-Stunden-Woche und 20 Urlaubstagen im Jahr.
      Zwingt die Wirtschaftslage die Arbeitgeber zu solchen Billiglöhnen oder ist dies nur die passende Gelegenheit, unten die Daumenschrauben anzuziehen und oben die Taschen zu füllen? Leben wir im Land der sozialen Kälte? Wie mühsam ist der Weg von unten wieder nach oben?

      Die Gäste:

      „Ich war entsetzt, als ich zum ersten Mal hörte, dass in einer so reichen Stadt wie München Kinder mit knurrendem Magen in der Schule sitzen“. Uschi Glas zögerte nicht, sie gründete mit ihrem Mann den Verein „BrotZeit e.V.“. In Zusammenarbeit mit einem Lebensmitteldiscounter versorgt der TV-Star mittlerweile an mehr als 70 Brennpunktschulen Kinder mit einem Frühstück, rüstige Senioren helfen bei der Hausaufgabenbetreuung. Das Projekt wurde inzwischen in anderen Städten aufgegriffen.

      Die Vorsitzende der FDP-Bundestagsfraktion Birgit Homburger fordert nach den Äußerungen von FDP-Chef Guido Westerwelle zu den Hartz-IV-Regelsätzen ebenfalls eine dringend notwendige Debatte über den Sozialstaat. „Es muss einen stärkeren Anreiz geben, wieder eine reguläre Arbeit aufzunehmen. Für Rot und Grün heißt soziale Gerechtigkeit immer Gleichmacherei, der Bürger aber ist mündig“, so Homburger.

      Der Architekt Karl Gernholz sucht seit über 15 Jahren nach einer Stelle. Von der Arbeitsagentur erwartet er nicht mehr viel, weder ein Jobangebot noch eine dringend notwendige Weiterbildungsmaßnahme. Mit Hartz IV fühlt er sich seit Jahren immer weiter in die soziale Isolation gedrängt. „Das Geld reicht nicht mal für die Fahrt zu meiner Mutter ins Pflegeheim. Hartz IV ist die langsame Hinrichtung des Menschen ohne Arbeit.“

      Holger Müller war 15 Jahre lang Zeitarbeiter, dann erhielt er vor wenigen Tagen die Kündigung. Er fordert heute die sofortige Abschaffung von Zeitarbeit: „Leiharbeit ist moderne Sklaverei, das macht die Menschen arm und kaputt“, sagt der gelernte Techniker, der trotz guter Qualifikationen und wertvoller Berufserfahrung zuletzt immer weniger Geld verdiente, bis er sich vor zwei Jahren sogar von seinem Auto trennen musste.

      „Heute kann sich keiner mehr darauf verlassen, dass er 40 Jahre lang für nur eine Firma arbeitet“, warnt Andreas Dinges, Deutschland-Chef des weltweit größten Zeitarbeitsunternehmens Adecco. Er bemängelt fehlende Leistungsbereitschaft gerade auch in der Mittelschicht, einen Zusammenhang zwischen Leiharbeit und Dumpinglöhnen weist er zurück. Im Gegenteil sei eine flexible Belegschaft künftig noch entscheidender, wenn die deutsche Wirtschaft im globalen Wettbewerb konkurrenzfähig bleiben wolle.

      Für die Wirtschaftsjournalistin Inge Kloepfer sind wir nicht mehr weit vom Aufstand der Unterschicht entfernt. „Wenn der Staat die Sozialleistungen nicht mehr aufbringen kann, wird sie sich ihr Recht auf Teilhabe und Bildung ohne Unrechtsbewusstsein zurückholen. Die Mittelschicht muss aufhören, sich nur noch um ihre eigene Statussicherung zu kümmern. Vielmehr sollte sie die Unterschicht fördern, denn irgendwann wird sie darauf angewiesen sein. "Den Schlüssel hierzu sieht sie in Erziehung und Bildung."

      Ozan Gökay weiß, wie sich Hunger anfühlt. Und großes Leid, wenn der Vater die Familie sitzen lässt und die eigene Mutter viel zu früh stirbt. Dennoch kämpfte sich das Gastarbeiterkind von ganz unten zum Doktorand nach oben. „Jeder Mensch hat eine Antriebsenergie, die muss man nur aktivieren. Mancher Mensch aber braucht dabei auch Hilfe“, sagt der Mediziner, der seine Zukunft im eigenen Labor im Bereich der Krebsforschung sieht.

      Job weg, Haus weg? Der ehemalige Quelle-Mitarbeiter Helmut Rupp hoffte bis zuletzt vergeblich auf eine Rettung von Europas einst größtem Versandhändler. „Vor sechs Jahren haben wir ein Haus gekauft, längst sind die Raten nicht abbezahlt, die Schulden häufen sich. Ich kann nur hoffen, dass ich bald eine neue Stelle finde“, sagt der 56-jährige verheiratete Familienvater von zwei schulpflichtigen Kindern. Denn vor nichts fürchtet er sich mehr als dem Absturz in Hartz IV.

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