• 06.11.2011
      08:45 Uhr
      Leonard Bernstein: Sinfonie Nr. 3 "Kaddish" Deutsche Radio Philharmonie / Dirigent: Christoph Poppen - faszination musik | SWR Fernsehen BW
       

      Die dritte Sinfonie "Kaddish" ist eines der provokantesten und zugleich stilistisch vielseitigsten Werke Leonard Bernsteins. Das Wort "Kaddish" bezeichnet das jüdische Totengebet.

      Sonntag, 06.11.11
      08:45 - 09:30 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      Stereo

      Die dritte Sinfonie "Kaddish" ist eines der provokantesten und zugleich stilistisch vielseitigsten Werke Leonard Bernsteins. Das Wort "Kaddish" bezeichnet das jüdische Totengebet.

       

      Bernstein vertont den Gebetstext sowohl auf Hebräisch als auch auf Aramäisch. Von zentraler Bedeutung sind außerdem die von Bernstein selbst verfassten englischen Textpassagen, die einem Sprecher in den Mund gelegt sind. Sie handeln vom Ringen und Glauben an Gott. Auch wenn Bernsteins Werk mit der triumphalen Erneuerung des Glaubens schließt, so haben doch die Abschnitte des offenen Zweifels immer wieder kontroverse Diskussionen ausgelöst. Der musikalische Charakter des Werks zeichnet sich durch ein Mit- und Gegeneinander zahlreicher stilistischer Ebenen ab. Atonalität steht neben traditioneller Harmonik, weitgespannte Melodien im Stile eines Gustav Mahler wechseln mit Jazz-Einschlägen und den typischen, federnden Rhythmen, die auch in zahlreichen anderen Werken Bernsteins begegnen.


      1955 hatte Bernstein den Auftrag bekommen, ein neues Werk zu schreiben, seine Sinfonie Nr. 3, die er 1963 vollendete und in Tel Aviv mit dem Israel Philharmonic Orchestra uraufführte. Sie trägt den Untertitel Kaddish, weil Bernstein darin das jüdische Totengebet Kaddish vertont hat. Es ist ein dreiteiliges, dramatisches Werk mit theatraler Wirkung - groß besetzt mit einer Sopransolistin, Sprecher, Kinderchor und Chor.
      Die Komposition drückt keine naive Gläubigkeit aus, sondern das Ringen mit Gott. Im ersten Satz Invocation (Anrufung) wendet sich ein alter Mann an Gott, den einsamen, enttäuschten Vater. Nach dem ersten Todesgebet (Kaddish I) stellt der Mann eine Forderung an Gott: Du kannst sicher bewirken und gebieten ein wenig Ordnung hier unten auf diesem verwirrten Fleckchen Erde. Von wegen Frieden im Himmel auf Erden! Die Stimmung wechselt jäh, die Klänge werden laut und aggressiv. Auch im zweiten Satz Din-Torah (Prüfung durch Gottes Gesetz) übt der Sprecher direkt Kritik: Herr der himmlischen Heerscharen, ich ziehe Dich zur Rechenschaft! Du lässt dies geschehen! Du mit Deinem Manna, Deiner Säule aus Feuer! Du forderst Glauben - wo ist Dein eigener? Nach einem musikalischen Tumult mündet dieser Satz im 2. Totengebet. Andante con tenerezza hat Bernstein diesen Abschnitt überschrieben, also mit Zärtlichkeit zu spielen - eine sanft-swingende Gesangslinie. Im dritten Satz will der Sprecher Gott veranlassen, einen neuen Bund zu gründen (Believe!), was schließlich im Finale nach dem 3. Kaddish auch gelingt. O mein Vater, Herr des Lichts: geliebte Majestät: Mein Bild, mein Selbst! Wir sind ein letztlich, Du und ich: Zusammen leiden, zusammen leben wir, und ewig werden wir einander erschaffen! So existentiell der Inhalt dieser Sinfonie, so extrem sind auch die musikalischen Mittel, die Bernstein einsetzt. Der Chor muss nicht nur singen, sondern auch rufen, in die Hände klatschen und mit den Füßen stampfen. Die Musik pendelt zwischen zwölftöniger Textur und klassisch-tonaler Harmonik. Wobei Aufruhr, Unruhe, Wüten der modernen Zwölftönigkeit, die Entspannung, Lösung, Zuversicht mit der vergleichsweise konventionellen Harmonik ausgedeutet werden. Man kann das auch so deuten: Die zwölftönige Kompositionstechnik steht für Destruktion. Im Gegensatz dazu sind tonale Zusammenhänge zielführend und zukunftsweisend. Ein entsprechender emphatischer, stellenweise auch pathetischer Eindruck ist durchaus von Bernstein beabsichtigt.

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