• 25.02.2021
      21:00 Uhr
      Hanau - Eine Nacht und ihre Folgen hr-fernsehen
       

      Noch in der Nacht des 19. Februar wurde Etris ins Koma gelegt. Drei Kugeln trafen ihn, eine war in seinem Hals steckengeblieben. Als er erwachte, konnte er nicht sprechen. Seine Schwester saß neben ihm und traute sich nicht, ihm zu sagen, dass ihr Bruder Said Nesar es nicht geschafft hatte. In jener Nacht erschoss ein rassistischer Attentäter innerhalb von fünf Minuten neun junge Menschen.

      Donnerstag, 25.02.21
      21:00 - 21:45 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      VPS 20:59

      Noch in der Nacht des 19. Februar wurde Etris ins Koma gelegt. Drei Kugeln trafen ihn, eine war in seinem Hals steckengeblieben. Als er erwachte, konnte er nicht sprechen. Seine Schwester saß neben ihm und traute sich nicht, ihm zu sagen, dass ihr Bruder Said Nesar es nicht geschafft hatte. In jener Nacht erschoss ein rassistischer Attentäter innerhalb von fünf Minuten neun junge Menschen.

       

      Noch in der Nacht des 19. Februar wurde Etris ins Koma gelegt. Drei Kugeln trafen ihn, eine war in seinem Hals steckengeblieben. Als er erwachte, konnte er nicht sprechen. Seine Schwester saß neben ihm und traute sich nicht, ihm zu sagen, dass ihr Bruder Said Nesar es nicht geschafft hatte. In jener Nacht erschoss ein rassistischer Attentäter innerhalb von fünf Minuten neun junge Menschen.

      Der Mörder hat sich seine Opfer gezielt nach Haut- und Haarfarbe ausgesucht. Mit dieser Nacht beginnt für die Angehörigen und Freunde der Getöteten eine lange und quälende Zeit der Trauer und der Verzweiflung. Einige von ihnen sind hier geboren, einige leben seit Jahrzehnten in Deutschland, andere kamen erst vor kurzem hierher, um sich ein neues Leben aufzubauen.

      Nach langen Wochen im Krankenhaus hat Etris seine Stimme wieder, er trauert mit den Eltern und der Schwester um seinen Bruder Said Nesar. Aber er nutzt seine Stimme auch, um für die Aufklärung der Hintergründe des Anschlags zu kämpfen. Er, der Überlebende, und die Angehörigen der Opfer erzählen ihre Geschichten. Geschichten von Rassismus im Alltag, schon in der Schule.

      Selbst in jener Nacht und der folgenden Zeit setzen sich diese Erfahrungen fort: Bevor sich jemand um Etris' Schusswunde kümmert, muss er seinen Personalausweis vorzeigen. Angehörige werden von der Polizei angerufen und gewarnt, keine Rache am Vater des Täters zu nehmen, der nebenan wohnt. Man behandelt sie wie Verdächtige.

      Der Film nimmt konsequent die Perspektive der Hinterbliebenen ein; er zeigt ausschließlich ihr Erinnern und ihren Blick auf das, was geschah - vor, während und nach der Tat. Und so stellt der Film von Marcin Wierzchowski auch die Frage nach dem Fremdsein in Deutschland, nach Ungleichheit und nach dem alltäglichen Rassismus in Behörden und Bildungseinrichtungen.

      Der junge Filmautor hat sich unmittelbar nach dem Anschlag auf den Weg nach Hanau gemacht. Monatelang hat er den Betroffenen zugehört, mitunter hat es fast ein Jahr gedauert, bis die Menschen anfingen zu sprechen und ihre Geschichte zu erzählen. In der gleichen Zeit aber fanden sich die Hinterbliebenen auch zusammen, nun stützen sie einander und kämpfen gemeinsam für Aufklärung, fordern Gerechtigkeit und Konsequenzen. Da sich der Mörder selbst tötete, wird es keinen Gerichtsprozess geben, keine öffentliche Aufarbeitung. Aber genau das ist es, was die Angehörigen fordern. So gibt dieser Film ihrer Trauer und ihrer Wut Raum. Der Mörder hat ihnen nicht nur ihre Kinder, Geschwister, Freunde genommen, sondern auch das Gefühl, in Deutschland eine Heimat zu haben.

      Etris' letzte Erinnerung, bevor man ihn in den Krankenwagen schob und ins Koma legte, ist diese: "Ich lag auf der Trage, die Polizei und Sanitäter hinter mir, da rief jemand, der Täter sei zurück und sie haben mich in die Richtung gedreht und sich hinter mir versteckt, wie ein Schutzschild. Ich lag dort nackt und starrte in den Nachthimmel und dachte, ich bin im falschen Film."

      Film von Marcin Wierzchowski

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