• 23.01.2021
      12:30 Uhr
      Nachtcafé Tabukrankheiten - wofür schämen? | hr-fernsehen
       

      "Peinlich!", "eklig!" oder "hässlich!" - noch immer gibt es zahlreiche Krankheiten, bei denen Betroffene neben körperlichen oder psychischen Leiden auch noch mit den schrägen Blicken oder gerümpften Nasen ihrer Mitmenschen zurechtkommen müssen.
      Ein künstlicher Darmausgang, kreisrunder Haarausfall bei Frauen oder erektile Dysfunktion bei Männern können den Betroffenen großes Leiden verursachen.
      Was kann ihnen auf diesem Weg helfen? Was können Menschen tun, um für mehr Akzeptanz zu sorgen? Und warum gibt es heute noch so viele Erkrankungen, denen das Label "Tabu" anhaftet?

      Samstag, 23.01.21
      12:30 - 14:00 Uhr (90 Min.)
      90 Min.

      "Peinlich!", "eklig!" oder "hässlich!" - noch immer gibt es zahlreiche Krankheiten, bei denen Betroffene neben körperlichen oder psychischen Leiden auch noch mit den schrägen Blicken oder gerümpften Nasen ihrer Mitmenschen zurechtkommen müssen.
      Ein künstlicher Darmausgang, kreisrunder Haarausfall bei Frauen oder erektile Dysfunktion bei Männern können den Betroffenen großes Leiden verursachen.
      Was kann ihnen auf diesem Weg helfen? Was können Menschen tun, um für mehr Akzeptanz zu sorgen? Und warum gibt es heute noch so viele Erkrankungen, denen das Label "Tabu" anhaftet?

       

      Stab und Besetzung

      Moderation Michael Steinbrecher

      "Peinlich!", "Eklig!" oder "Hässlich!" - noch immer gibt es zahlreiche Krankheiten, bei denen Betroffene neben körperlichen oder psychischen Leiden auch noch mit den schrägen Blicken oder gerümpften Nasen ihrer Mitmenschen zurechtkommen müssen. Etwa 160.000 Menschen leben in Deutschland mit einem künstlichen Darmausgang. Für viele eine Horrorvorstellung. Auch kreisrunder Haarausfall bei Frauen oder erektile Dysfunktion bei Männern können den Betroffenen großes Leiden verursachen. Der Versuch, das Problem zu verstecken, kann zu großen Belastungen führen, und manchmal auch zu Schwierigkeiten, das eigene Selbst zu finden. Dazu kommt immer die Frage: Wem kann ich mich anvertrauen? Wann ist der richtige Zeitpunkt? Die Angst vor Ablehnung und negativen Reaktionen ist groß ebenso wie die eigene Scham und die Sorge, seine Mitmenschen zu überfordern oder vor den Kopf zu stoßen. Es braucht viel Selbstbewusstsein, um die Hürden im Umgang mit anderen zu überwinden und zu einem selbstverständlichen
      Umgang mit sogenannten "Tabukrankheiten" zu finden. Was kann Betroffenen auf diesem Weg helfen? Was kann man tun, um für mehr Akzeptanz zu sorgen? Und warum gibt es heute noch so viele Erkrankungen, denen das Label "Tabu" anhaftet? "Tabukrankheiten - wofür schämen?", das ist das Thema am 22. Januar 2021 bei Michael Steinbrecher im "Nachtcafé".

      Bereits im Alter von zwei Jahren fielen Sara Wendhack plötzlich ihre Haare aus: Statt schöner roter Locken trug sie auf einmal Glatze, sehr zum Entsetzen ihrer Eltern. Die Diagnose: kreisrunder Haarausfall. "Ich fand mich immer furchtbar hässlich", sagt Wendhack, "ich habe mich wie eine Außerirdische gefühlt." Jahrzehntelang verließ sie das Haus nicht ohne Perücke, um irritierte Blicke zu vermeiden. Doch vor einem halben Jahr traf Wendhack eine radikale Entscheidung.

      Für Patrick Schloss war die Diagnose Darmkrebs ein großer Schock. Seit einer Operation begleitet ihn ein Stoma durch seinen Alltag. Ein künstlicher Darmausgang: Für Schloss schier unerträglich. Er schämte sich so sehr, dass ihn schwere Depressionen sogar zu Suizidgedanken trieben. "Es war mir peinlich, wenn der Darm gepupst hat, laute Geräusche gemacht hat", sagt Schlosser. "Ich dachte ständig nur: Hoffentlich macht das Stoma nicht gerade jetzt."

      Melanie Clauss weiß, wie schambehaftet auch psychische Erkrankungen sind. Vor vier Jahren begannen bei ihr die ersten Vorboten - ständig wiederholte sie Kontrollgänge, ob Türen und Fenster geschlossen und alle Geräte abgeschaltet sind: "Lange Zeit versuchte ich, meine Zwänge vor meinen Kollegen und meiner Familie zu verstecken." Hinzu kamen ein Wasch- und Ordnungszwang und Zwangsgedanken, bis die Zwänge schließlich ihr komplettes Leben dominierten.

      Oben schlank, unten dick: Das war Inge Erdingers Körperform, als sie jünger war. Dass ein Lipödem, eine Fettverteilungsstörung, Grund dafür war, erfuhr sie erst, als Schmerzen und Gewichtszunahme immer schlimmer wurden. Bis zu vier Millionen Frauen in Deutschland haben ein Lipödem, doch nur wenige sprechen offen darüber. "Wenn Kinder auf der Straße auf mich zeigen, erkläre ich ihnen, was mit mir los ist", sagt Erdinger, die gegen die Stigmatisierung dieser Krankheit kämpft.

      Wenn Rettungssanitäter Steve Pinther von einem Einsatz zurückkommt, muss er erstmal seine Socken auswringen. Er hat eine Hyperhidrose, sein Körper produziert im Übermaß Schweiß - selbst bei klirrender Kälte oder im Schlaf. "Vor meinem Verlobten habe ich meine Krankheit lange geheim gehalten", sagt Pinther. Jahrelang versuchte er alles, um die Schweißbildung zu verringern, nun liegt all seine Hoffnung auf einer Operation, die ihn von seinem Leiden erlösen soll.

      Starke Gerüche, laute Geräusche, Haarausfall oder Schmerzen im Intimbereich: Als Hautärztin ist Dr. Yael Adler nichts von alledem fremd, was menschliche Körper eben so produzieren. Sie weiß, wofür Menschen sich am meisten schämen, aber sie weiß auch: Tabus können tödlich sein. "Wenn man mit einem ärztlichen Besuch zu lange

      wartet, können Tabukrankheiten gefährlich werden", sagt die Ärztin.

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