• 05.04.2020
      17:30 Uhr
      Echtes Leben: Oberammergau steht Kopf Das Aus für die Passion 2020 | Das Erste
       

      2020 hätten die weltberühmten Passionsspiele in Oberammergau wieder stattfinden sollen. Doch mitten in den intensiven Vorbereitungen hat das Corona-Virus dieses große Vorhaben beendet. Seit einem Jahr haben die Menschen ihre Haare und Bärte wachsen lassen für das Spiel, das alle zehn Jahre mehr als 2.000 Gemeindebürger auf die Bühne bringt. Alle hatten der Premiere im Mai entgegengefiebert, um dann schlagartig vor dem Nichts zu stehen. Denn am 19. März kommt das, was alle hier befürchtet hatten: die Absage. Zu riskant, heißt es, das Gesundheitsamt beruft sich auf das Infektionsschutz-Gesetz. Und jetzt?

      Sonntag, 05.04.20
      17:30 - 17:59 Uhr (29 Min.)
      29 Min.
      VPS 17:29

      2020 hätten die weltberühmten Passionsspiele in Oberammergau wieder stattfinden sollen. Doch mitten in den intensiven Vorbereitungen hat das Corona-Virus dieses große Vorhaben beendet. Seit einem Jahr haben die Menschen ihre Haare und Bärte wachsen lassen für das Spiel, das alle zehn Jahre mehr als 2.000 Gemeindebürger auf die Bühne bringt. Alle hatten der Premiere im Mai entgegengefiebert, um dann schlagartig vor dem Nichts zu stehen. Denn am 19. März kommt das, was alle hier befürchtet hatten: die Absage. Zu riskant, heißt es, das Gesundheitsamt beruft sich auf das Infektionsschutz-Gesetz. Und jetzt?

       

      2020 hätten die weltberühmten Passionsspiele in Oberammergau wieder stattfinden sollen. Doch mitten in den intensiven Vorbereitungen hat das Corona-Virus dieses große Vorhaben beendet.

      Es mutet wie ein makabrer Zufall an, dass die Oberammergauer Passionsspiele ihren Ursprung in einer Epidemie haben. Fast 400 Jahre ist es her, als die Pest in dem oberbayerischen Bergdorf wütete und viele Menschen dahinraffte. Daraufhin gelobten die Oberammergauer, alle zehn Jahre das Spiel vom Leiden, Sterben und Auferstehen Christi aufzuführen, wenn die Pest sie nur verschone. Mit großer Hingabe spielen die Dorfbewohner seitdem die Geschichte jenes Mannes, dessen Botschaft seit inzwischen 2.000 Jahren Kraft hat und Hoffnung gibt.

      Seit einem Jahr haben die Menschen ihre Haare und Bärte wachsen lassen für das Spiel, das alle zehn Jahre mehr als 2.000 Gemeindebürger auf die Bühne bringt. Zum vierten Mal ist Christian Stückl Spieleleiter. Er war der Erste, der den Stoff zeitgemäß umgesetzt hat. Gegen die Widerstände der Konservativen im Dorf hatte er in den 1990er Jahren durchgesetzt, dass auch verheiratete Frauen und Frauen über 35 Jahre mitspielen durften. Damit war er der Erste, der evangelische Christen und in diesem Jahr auch Muslime mitspielen ließ, was für Aufruhr sorgte. Da fragten sich viele: Wie viel Veränderung verträgt das 5.000-Seelen-Dorf? Und umgekehrt: Wie viele Kompromisse ist Christian Stückl bereit zu schließen?

      Alle hatten der Premiere im Mai entgegengefiebert, um dann schlagartig vor dem Nichts zu stehen. Denn am 19. März kommt das, was alle hier befürchtet hatten: die Absage. Zu riskant, heißt es, das Gesundheitsamt beruft sich auf das Infektionsschutz-Gesetz. Spielleiter Christian Stückl hat Tränen in den Augen, als er bei der Pressekonferenz verkündet, dass die Oberammergauer Passionsspiele auf 2022 verschoben werden.

      Und jetzt? Schockstarre im oberbayerischen Bergdorf? Für die Darsteller bricht nicht nur ein prägender Lebensinhalt weg, sondern für viele auch der Broterwerb. Denn die Passionsspiele sind nicht nur eine Herzensangelegenheit, sondern auch ein riesiger Wirtschaftsfaktor für den Ort. Gastronomen und Hoteliers stehen erst einmal vor dem Nichts, die Souvenirs mit dem Aufdruck "Passionsspiele 2020", die sich schon in Schachteln stapeln, sind wertlos geworden.

      Was kann aus dieser Untergangsstimmung heraus dennoch entstehen? In den Wochen, da Corona die Menschen in ihre Häuser und Wohnungen verbannt und nicht einmal Gottesdienste stattfinden, muss der örtliche Pfarrer, Dekan Thomas Gröner, nun auf andere Weise für seine Glaubensgemeinde da sein. In der Kirche betet er vor dem Kreuz, an dem die Oberammergauer vor fast 400 Jahren ihr Gelübde abgelegt haben: "Ich bete für die Ängste der Menschen im Ort und dafür, dass Gott ein Augenmerk drauflegt und es dann wieder zum Guten führt", sagt er. "Der Sohn Gottes, der am Kreuz gestorben ist, ist auferstanden, es ging weiter bis auf den heutigen Tag."

      Oberammergau rückt in diesen Tagen noch enger zusammen: Engagierte Menschen kümmern sich um die Bedürftigsten im Ort, um Geflüchtete und um alte Menschen, um all diejenigen, die wegen der Ansteckungsgefahr ihre Wohnung nicht mehr verlassen sollen. So bringt eine junge Ägypterin, die seit ihrem zehnten Lebensjahr in Deutschland lebt, alten Menschen in Oberammergau die Einkäufe. Jeder Lichtblick tut gerade gut.

      Und die Teilnehmer der Passionsspiele? Von ihren Bärten und langen Haaren haben sich die meisten schon getrennt. Doch ab Aschermittwoch 2022 lassen sie sie wieder wachsen. Denn aufgeschoben ist nicht aufgehoben: „Mein Advent dauert halt jetzt länger, aber Weihnachten wird kommen und das Passionsspiel wird wieder kommen“, sagt der noch angeschlagene Spielleiter Christian Stückl. "Wo immer wir am Ende der Krise rauskommen, wir werden da weitergehen."

      aus der Reihe "Echtes Leben"

      Film von Brigitte Kornberger

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