• 16.12.2013
      22:45 Uhr
      Unsere Geschichte - Willy Brandt Ein Film von Maik Gizinski | NDR Fernsehen
       

      Willy Brandt hat Millionen Deutsche politisiert und fasziniert. Unzählige Artikel und Sendungen beschreiben und würdigen deshalb das aufwühlende Leben dieses außergewöhnlichen Menschen, der am 18. Dezember 2013 100 Jahre alt geworden wäre. Diese NDR Dokumentation konzentriert sich auf die Zeit, als Willy Brandt noch Herbert Frahm war, als aus dem jungen, engagierten SPD-Genossen ein Widerstandskämpfer gegen den NS-Terror wurde. Es waren die Jahre, als Willy Brandt seine geliebte Heimatstadt Lübeck verlassen musste, um in Norwegen und Schweden überleben zu können.

      Montag, 16.12.13
      22:45 - 23:30 Uhr (45 Min.)
      45 Min.

      Willy Brandt hat Millionen Deutsche politisiert und fasziniert. Unzählige Artikel und Sendungen beschreiben und würdigen deshalb das aufwühlende Leben dieses außergewöhnlichen Menschen, der am 18. Dezember 2013 100 Jahre alt geworden wäre. Diese NDR Dokumentation konzentriert sich auf die Zeit, als Willy Brandt noch Herbert Frahm war, als aus dem jungen, engagierten SPD-Genossen ein Widerstandskämpfer gegen den NS-Terror wurde. Es waren die Jahre, als Willy Brandt seine geliebte Heimatstadt Lübeck verlassen musste, um in Norwegen und Schweden überleben zu können.

       

      Stab und Besetzung

      Autor Maik Gizinski

      Der Autor Maik Gizinski reiste für diese Dokumentation an jene Orte, die Willy Brandt geprägt haben. Er suchte und fand Zeitzeugen, die ihn damals kannten, mit ihm kämpften. Und die den mühsamen Aufstieg des Mannes verfolgten, der heute noch viele Menschen begeistert und berührt: Willy Brandt, der Visionär, der Patriot und der große Staatsmann.

      Der Name "Willy Brandt" steht für unzählige politische Ereignisse und Entscheidungen, die sich in das kollektive Gedächtnis der Bundesrepublik eingebrannt haben. Sein Kniefall in Warschau, seine Ostpolitik, sein "Mehr Demokratie wagen" oder die Affäre um den DDR-Spion Günter Guillaume garantieren Brandt einen prominenten Platz in den Geschichtsbüchern. Doch schon bevor Willy Brandt zum großen Mann der SPD wird, vor seiner Zeit als Regierender Bürgermeister in Berlin und bevor er am 21. Oktober 1969 zum vierten deutschen Bundeskanzler gewählt wird, hat er bereits ein bewegtes Leben hinter sich: so dramatisch und mitreißend, dass ihn seine Anhänger dafür bewundern und seine Kritiker verachten. Die Dokumentation zu seinem 100. Geburtstag am 18. Dezember blickt besonders zurück auf diese prägenden Jahre Brandts in Norddeutschland und Skandinavien.

      Brandt wird 1913 als Herbert Ernst Karl Frahm und als uneheliches Kind geboren. Er wächst in Lübeck auf und verbringt viele Jahre seiner Kindheit in der Moislinger Allee beim Stiefvater seiner Mutter, den er "Papa" nennt. Seinen leiblichen Vater lernt er nie kennen, seine Mutter kümmert sich nur selten um ihn. Wie so vieles aus der ersten Hälfte seines Lebens werden ihm diese irgendwie zerrissenen Verhältnisse später von politischen Gegnern zum Vorwurf gemacht: Wer so aufgewachsen sei, könne kein standhafter Staatsmann sein. Dabei stimmt das Gegenteil. Der kleine Frahm sucht sich seine Heimat in der Arbeiterbewegung, in die er quasi hineingeboren wird. Die politischen, wirtschaftlichen und sozialen Spannungen jener Jahre, die Massendemos und Arbeiteraufstände formen seinen immer währenden Drang nach Unabhängigkeit. Von damals an wird er Zeit seines Lebens kämpfen: für Gerechtigkeit und Demokratie.

      Schon früh erkennt Frahm die zerstörerische Kraft der aufstrebenden Nationalsozialisten. Die unentschiedene Haltung seiner SPD zu Hitler und zur NSDAP entsetzt ihn zutiefst, und Frahm läuft über zu einer anderen Partei, der "Sozialistischen Arbeiterpartei". Schnell gerät er auf die Fahndungslisten der Nazis, und bereits als 19-jähriger Teenager wird der Kampf gegen Hitler für ihn patriotische Pflicht. 1933 geht er ins norwegische Exil und gibt sich den Kampfnamen Willy Brandt. In Oslo macht er sich mit scharfen politischen Analysen einen Namen als Journalist, koordiniert aber zugleich auch die Arbeit der SAP. In den kommenden Jahren verhilft er Karl von Ossietzky zum Friedensnobelpreis, reist mit falschem Pass ins nationalsozialistische Berlin, erlebt in Barcelona den spanischen Bürgerkrieg mit und entfremdet sich immer mehr vom Sozialismus Stalin`scher Prägung, in den er zunächst große Hoffnungen setze. 1939 dann passiert eine nächste Katastrophe: Der Hitler-Stalin-Pakt. Brandt wendet sich ab vom sowjetischen Weg - und dies ist zugleich die Geburtsstunde des "demokratischen Sozialismus", mit dem sich der Name Willy Brandts bis heute verbindet und der die deutsche SPD jahrzehntelang prägen wird. Bis zu seinem Tod bekennt sich Brandt zu diesem Programm, das allein "durch die Polemik der politischen Gegner" fortwährend "torpediert" werde.

      Als die Nazis Norwegen besetzen, muss der "Reichsfeind" Brandt das Land verlassen. Eine Flucht wäre chancenlos, also schlüpft er zur Tarnung in die Uniform eines norwegischen Soldaten, lässt sich festnehmen und kommt wenig später wieder frei.

      Er setzt sich nach Stockholm ab - und jetzt beginnt eine Zeit, für die ihn konservative Gegner aus CDU und CSU später als "Vaterlandsverräter" beschimpfen werden: Brandt arbeitet weiter als Journalist, pflegt dabei aber gute Kontakte zu den alliierten Geheimdiensten, auch zum sowjetischen NKDW, dem Vorgänger des KGB. Und nach Kriegsende kehrt er zwar wieder zurück in die SPD, beginnt aber im Januar 1947 eine Arbeit als Presseattaché an der norwegischen Militärmission in Berlin - wieder in norwegischer Uniform. Die bittere Kampagne, die ihn deswegen in den 1950er und 1960er Jahren trifft, reißt Wunden, die nie verheilen werden.

      In seiner Zeit als SPD-Chef in Berlin, als Regierender Bürgermeister, als Parteichef der Bundespartei und als Bundeskanzler zehrt Brandt von denen Erfahrungen dieser Jahre. Stets lebt er vor, dass Macht und Moral kein Widerspruch sein müssen. Selbst Gegner und Kritiker beeindruckt er mit einer tiefen menschlichen Wärme. Und er lernt von Anfang an, das für ihn Kostbarste zu bewahren, seine Selbstachtung. Von klein auf sind es Ängste, Schmerzen und Niederlagen, die ihn formen: zum Widerstandskämpfer, Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger - und zum wohl charismatischsten Politiker, den Deutschland je hatte.

      Echte Freunde hatte Brandt in all den Jahren nur wenige. Der nach außen gesellige Willy bleibt nach innen ein zutiefst scheuer Mensch, der tatsächliche Nähe nur schwer ertragen kann. "Sich von Menschen zu trennen, die ihre Funktion erfüllt haben, ist Teil dieses Lebens", sagte er einmal. Einer, von dem er sich nicht getrennt hat, ist Egon Bahr. Im Interview spricht Bahr über seinen Willy und erklärt den Mythos Brandt. Auch ein anderer Freund, Thorvald Stoltenberg, ehemaliger Außenminister in Norwegen, und die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland erzählen, wie sie Willy Brandt als jungen Menschen kennengelernt haben und wie der hohe Norden auf Brandt abgefärbt hat. Der SPD-Politiker und spätere Hamburger Erste Bürgermeister Klaus von Dohnanyi blickt auf seine Jahre im Kabinett Brandt zurück und ordnet die Bedeutung der Figur Brandt für seine Partei ein. Er bewertet, wie Brandts Vergangenheit ihm viel ermöglicht und zugleich auch angetan hat. Björn Engholm, der nach Brandt zweite SPD-Vorsitzende aus Lübeck, erzählt von der Kraft der Ära Brandt, die ihn seinerzeit in die SPD getrieben hat. Und Einhart Lorenz, deutscher Historiker in Oslo und der mit Abstand beste Kenner der frühen Biographie Willy Brandts, erklärt und analysiert, wie aus Herbert Frahm eine Legende wurde.

      Die Bildsprache des Films soll sich ausdrücklich von anderen Filmporträts und Dokumentationen im Umfeld des Geburtstags unterscheiden. Dafür werden die obligatorischen Archivaufnahmen und neugedrehten Interviews um Sequenzen ergänzt, die als Ortsmarken und zugleich roter Faden funktionieren und in einer Art moderner Super 8-Optik gedreht werden; dadurch bekommen sie einen dokumentarischen Look. Von den wichtigen Wegmarken in Brandts Leben, beispielsweise in Lübeck, Oslo, Stockholm oder Bonn, entstehen so "establishing shots", die überleiten in tatsächliche Archivbilder oder aber solche Lücken schließen, von denen kein originales Filmmaterial existiert.

      Wird geladen...
      Wird geladen...

programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 13.12.2018