• 03.05.2018
      10:15 Uhr
      Nachtcafé Hinters Licht geführt | 3sat
       

      Was ist nur los mit der Gesellschaft? Seit Monaten beschäftigt sich Deutschland mit dem Abgasskandal, das Internet ist ein Tummelplatz für Betrüger, auch das warme Nest der Familie schützt nicht vor Lug und Betrug. Ist heute der Ehrliche der Dumme? Warum gilt Betrug für viele nur noch als Kavaliersdelikt? Die Gehirnforschung jedenfalls bestätigt, dass Lügen, Irreführen und Manipulieren sogar ein wesentlicher Teil der sozialen Intelligenz ist. Ist es also nicht doch ein menschlicher Zug, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, wenn es dem eigenen Vorteil dient? Darüber diskutiert Michael Steinbrecher mit seinen Gästen.

      Donnerstag, 03.05.18
      10:15 - 11:45 Uhr (90 Min.)
      90 Min.

      Was ist nur los mit der Gesellschaft? Seit Monaten beschäftigt sich Deutschland mit dem Abgasskandal, das Internet ist ein Tummelplatz für Betrüger, auch das warme Nest der Familie schützt nicht vor Lug und Betrug. Ist heute der Ehrliche der Dumme? Warum gilt Betrug für viele nur noch als Kavaliersdelikt? Die Gehirnforschung jedenfalls bestätigt, dass Lügen, Irreführen und Manipulieren sogar ein wesentlicher Teil der sozialen Intelligenz ist. Ist es also nicht doch ein menschlicher Zug, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen, wenn es dem eigenen Vorteil dient? Darüber diskutiert Michael Steinbrecher mit seinen Gästen.

       

      Die Gehirnforschung bestätigt, dass Lügen, Irreführen und Manipulieren ein Teil sozialer Intelligenz sind. Ist es also nicht doch ein menschlicher Zug, es mit der Wahrheit nicht immer ganz so genau zu nehmen, wenn es dem eigenen Vorteil dient?

      Wenn es um den eigenen Profit geht, sind Moral und Anstand oft schnell vergessen. Ob es windige Bankgeschäfte, lumpige Handwerkerleistungen oder gerissene Geschäftsmodelle sind: Ehrlichkeit, Gradlinigkeit, Aufrichtigkeit - all diese Tugenden sind scheinbar zu Auslaufmodellen verkommen. Selbst in den angeblich "besseren Kreisen" zählen Betrügereien häufig zum guten Ton und werden - zumindest hinter vorgehaltener Hand - sogar als besonders clever und ausgefuchst verherrlicht und gefeiert.

      Lügen in der Politik, Affären oder Abzocke - was den Großen Recht ist, ist den Kleinen nur billig. Selbst wer gutgläubig und mit noch so hehrer Absicht ein Sozialprojekt unterstützt, ist vor krummen Machenschaften nicht sicher. Mit dem Resultat, dass das Vertrauen untereinander immer stärker schwindet.

      Viereinhalb Jahre lang hat Alexandra Beek nicht nur ihre Patienten, sondern das Klinikpersonal getäuscht. Sie arbeitete als falsche Ärztin an einer Klinik, obwohl sie nie die dafür notwendigen Uni-Abschlüsse hatte: "Es war ganz einfach, die Dokumente zu fälschen. Ich habe mir gleich auch noch einen Doktortitel gegeben." Niemand wusste von ihrer Lebenslüge, nicht einmal ihr Ehemann. Bis eines Tages alles aufflog und sie zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt wurde.

      Fachkompetenz erwarten Patienten nicht nur im Krankenhaus, sondern auch in ihrer Apotheke. Wer dort Kunde ist, vertraut auf wirksame Medikamente. Angelika Fischer ist Krebspatientin und wurde - wie mutmaßlich mehrere tausend Geschädigte - möglicherweise Opfer eines der größten Medizinskandale Deutschlands. Denn ein Bottroper Apotheker steht unter Verdacht, Krebsmedikamente zu gering dosiert zu haben, um sich zu bereichern: "Ich habe mich noch gewundert, dass ich die Chemotherapie so gut vertragen habe", so Angelika Fischer.

      Stefan Eiben ist Inhaber einer Alibi-Agentur. Er bietet auf Bestellung die perfekte Lüge an - diskret und frei Haus. Ob ein klassischer Seitensprung oder das Vertuschen von Arbeitslosigkeit - seit fast 20 Jahren verdient er sein Geld damit, dass seine Kunden unentdeckt ein Doppelleben führen können. Moralische Maßstäbe legt er an seine Dienstleistung nicht an: "Meine Grenze ist da, wo es illegal wird."

      Übers Internet lernte Kerstin Jung einen Mann kennen, der innerhalb kürzester Zeit ihr Vertrauen gewann. Er sprach von der großen Liebe, und auch für die alleinerziehende Mutter sollte es der Mann fürs Leben sein: "Er überschüttete mich mit Komplimenten und hörte mir zu", so die Vertriebsassistentin. Bereitwillig stopfte sie seine Finanzlöcher und verlor schließlich mehr als 300 000 Euro.

      Scham und Verzweiflung waren für Jutta Schmitt der Grund, warum sie mehr als 40 Jahre ihrer Familie, Kollegen und Freunden etwas vorspielte. Sie täuschte vor, was für die meisten selbstverständlich ist: Lesen und Schreiben zu können. Mit viel schauspielerischem Geschick gelang es der Analphabetin sogar, zur Teamleiterin und Führungskraft aufzusteigen. Doch die Angst, entdeckt zu werden, wurde zur gesundheitlichen Belastung. Bis sie sich 2014 outete: "Endlich war Schluss mit dem Versteckspiel."

      Ob vom Partner, von einem guten Freund oder von Geschäftskollegen belogen - in Dr. Dr. Raphael Bonellis Praxis kommen viele Patienten, die von anderen betrogen, enttäuscht und hintergangen wurden. "Unsere Gesellschaft funktioniert nur auf der Basis des Vertrauens, die Unwahrheit wirkt auf menschliche Beziehungen wie ein Gift", so der Wiener Psychiater und Neurowissenschaftler.

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