• 30.07.2018
      12:45 Uhr
      Bergpark Kassel Wilhelmshöhe Das Spiel von Schein und Sein | 3sat
       

      Die Wasserkunst findet mittwochs und sonntags statt. Manchmal kommen Tausende. Sie bestaunen die Fontänen und Kaskaden, mit denen das Schauspiel beginnt, oben am Berg… unterhalb eines seltsamen Bauwerks namens Oktogon, Achteck. Obendrauf steht ein großer Herkules und schaut gelassen herab.

      Magisch sind die Spiegelschleier, als hätte sich das Wasser verwandelt, aber die Zuschauer müssen gehen, den Berg hinab, wo andere Attraktionen sogleich beginnen. Wenn sie die Große Kaskade verlassen, überqueren sie eine Epochengrenze, hinter sich lassen sie das Barock, jetzt begegnen sie der Naturverliebtheit der frühen Romantik.

      Montag, 30.07.18
      12:45 - 13:00 Uhr (15 Min.)
      15 Min.
      Stereo HD-TV

      Die Wasserkunst findet mittwochs und sonntags statt. Manchmal kommen Tausende. Sie bestaunen die Fontänen und Kaskaden, mit denen das Schauspiel beginnt, oben am Berg… unterhalb eines seltsamen Bauwerks namens Oktogon, Achteck. Obendrauf steht ein großer Herkules und schaut gelassen herab.

      Magisch sind die Spiegelschleier, als hätte sich das Wasser verwandelt, aber die Zuschauer müssen gehen, den Berg hinab, wo andere Attraktionen sogleich beginnen. Wenn sie die Große Kaskade verlassen, überqueren sie eine Epochengrenze, hinter sich lassen sie das Barock, jetzt begegnen sie der Naturverliebtheit der frühen Romantik.

       

      Die Wasserkunst findet mittwochs und sonntags statt. Manchmal kommen Tausende. Sie bestaunen die Fontänen und Kaskaden, mit denen das Schauspiel beginnt, oben am Berg… unterhalb eines seltsamen Bauwerks namens Oktogon, Achteck. Obendrauf steht ein großer Herkules und schaut gelassen herab.

      Magisch sind die Spiegelschleier, als hätte sich das Wasser verwandelt, aber die Zuschauer müssen gehen, den Berg hinab, wo andere Attraktionen sogleich beginnen. Wenn sie die Große Kaskade verlassen, überqueren sie eine Epochengrenze, hinter sich lassen sie das Barock, jetzt begegnen sie der Naturverliebtheit der frühen Romantik. Ein Wasserfall - manchem schlüpft hier über die Lippen, dass er mal in Norwegen war, oder in Kanada, und da habe er ganz andere… Ja, die Wasserfälle in Norwegen jedoch sind eine Gegebenheit, und dieser hier ist gemacht. Er ist ein Symbol für die Gewalt der Natur.

      Weiter geht es, die Zuschauer strömen, das Wasser schießt zur Teufelsbrücke. Die Teufelsbrücke ist nicht einfach nur ein imposantes Bild. Sie hat eine bestimmte Aussage, sie sagt: Kühn ist das Menschenwerk, aber fragil und schwach gegen die Macht des tosenden Wassers. Nun fließt das Wasser zum Römischen Aquädukt, und die Zuschauer folgen ihm. Eine künstliche Ruine: Des Menschen Werk ist vergänglich, es gelingt ihm nicht, die Natur zu unterwerfen; am Ende holt sie sich zurück, was er ihr entrissen hat.

      Als Höhepunkt die große Fontäne. Sie ruft Ahs und Ohs hervor, dabei ist sie bei Weitem nicht die mächtigste Fontäne der Welt, aber sie tut ihren Dienst schon 250 Jahre, und ihr einziger Antrieb ist seit jeher die Schwerkraft. Bis auf den Tag wird das Wasser auf den Höhen hinter dem Herkules gesammelt und in den Bergpark geleitet. Während die Fontäne langsam einsinkt, zerstreuen sich die Zuschauer, suchen die Cafés auf oder vielleicht das Museum im Schloss Wilhelmshöhe. W"as aber macht das Wasser?

      Das Wasser hört ja nicht auf zu fließen, und ehe es den Bergpark verlässt, um in die Fulda zu münden, umströmt es Elysium, die mythische Insel der Seligen. Hierher kommen nur wenige Touristen. Keine Brücke führt hinüber, aber man kann über die Flusssteine auf die Insel gelangen. Alte Lebensbäume und sprechende Steine - das Inselchen im Bach ist ein stiller Höhepunkt der Gartenkunst. Über weitere Kaskaden geht es hinab zum See, der hier Lac heißt, von dort in die Stadt, in die Fulda, die Weser, die Nordsee - der Weg des Wassers. Aus dem Meer kehrt es als Regen oder Schnee zurück, und die Wasserkunst beginnt erneut.

      Goethe hatte kein gutes Wort für die Kasseler Anlage: "Ein Nichts um nichts, ein ungeheurer Konfektaufsatz." Er schrieb das, als er in Italien war und die echten Ruinen der Antike sah.

      Auch Landgraf Karl war in Italien gewesen, inkognito und ohne Wissen seines Hofs, knapp 100 Jahre vor Goethe. Er war in Italien, um sich Anregungen für seinen Bau zu holen, aber er wollte nicht nur nachahmen, er wollte übertreffen. Seine Wasserkunst sollte die größte der Welt werden, sein Name sollte an allen Höfen in aller Munde sein. Er wollte Kurfürst werden. In Italien hatte Karl den Architekten Giovanni Francesco Guerniero kennengelernt, der seine Entwürfe, während der Bau längst nicht fertiggestellt war, publizierte. In Rom, denn die Welt sollte von Kassel hören.

      Vielleicht wusste Guerniero, der ein erfahrener Wasserbaumeister war, nichts von der Sprengkraft des Wassers! Oder er unterschätzte die winterlichen Fröste so weit nördlich der Alpen. Oder er ahnte nicht, dass der Kasseler Tuffstein die Eigenschaft hat, Wasser aufzunehmen. Das im Winter gefriert und den Stein sprengt. Jedenfalls zeigten sich die ersten Schäden schon, als der Bau des Oktogons noch im Gange war. Der Architekt verließ Kassel 1715. Vermutlich war das eine Flucht.

      Die Gerüste und Baukräne gehören also von Anfang an zu diesem Weltkulturerbe. Es war immer schon Baustelle. Als Landgraf Karls Sohn Friedrich, der es durch Heirat zu etwas gebracht hatte, und zwar zum König von Schweden, gebeten wurde, das Werk seines Vaters vor dem Verfall zu retten, soll er gesagt haben, es fehle hier zualleroberst ein Galgen, um den Angeber daran zu hängen. Er wird den Architekten gemeint haben, denken wir.

      Schloss Wilhelmshöhe beherbergt eine bedeutende Antiken und Gemäldesammlung. Hauptverantwortlich dafür ist Wilhelm VIII, des Schwedenkönigs Bruder, der nach dessen Tod die Landgrafschaft übernahm. Allein dieses Bildnis eines alten Mannes von der Hand Rembrandts rechtfertigt jede noch so weite Reise nach Kassel. Aber hier hängt auch eine ganze Reihe von Gemälden mit idealen Landschaften, heroischen Landschaften, Ruinen-Landschaften. Als im 18. Jahrhundert, erst in England, dann in ganz Europa, Landschaftsgärten anstelle von Barockgärten entstanden, waren ihre Vorbilder nicht die Landschaften der Wirklichkeit, sondern die der Malerei. Bleiben wir kurz bei diesem Bild stehen! Scheinbar hat es nichts mit der Gartenkunst zu tun: ein trompe l'oeil Gemälde, das vorgibt, nichts als ein Druck hinter zerbrochenem Glas zu sein. Tritt man näher, sieht man, dass alles gemalt ist. Das Glas, die Scherben, der scheinbare Druck.

      Das Spiel auf der Grenze von Schein und Sein ist ein Wesenszug auch des Landschaftsgartens. Nicht zufällig wurden seine Fantasiegebäude, seine exotischen Tempel und künstlichen Ruinen, als "follies" bezeichnet, Narreteien. Wilhelm des VIII Sohn, Friedrich der Zweite, ließ den Park mit zahlreichen Staffagen, Bildnissen und allegorischen Bauwerken durchsetzen: eine "Pyramide des Cestius", ein "Grabmal des Vergil". Eine "Eremitage des Sokrates" — Friedrich war ein Mann der Aufklärung und der Klassik.

      Er schwamm im Geld, übrigens, der "große Menschenmäkler". So hat der Dichter Johann Gottfried Seume ihn genannt. Seume verachtete ihn, weil er Soldatensklaven nach Übersee vermietete. Soldatenhandel war eine einträgliche Tradition des Hauses Hessen-Kassel. Seume selbst kam auf diese Weise in die Neue Welt. Als letztes, ehe ihn der Schlag traf, ließ Friedrich im Park das chinesische Dorf Mulang bauen; sein Sohn Wilhelm IX, Pragmatiker gleichzeitig und Romantiker, machte daraus eine funktionierende Milchwirtschaft. Einiges steht noch, die kleine Pagode vor allem.

      Vieles von dem, was sein Vater hingestellt hatte, ließ Wilhelm abräumen. Unter ihm erst entstand der eigentliche Landschaftsgarten mit seinen geschwungenen Wegen und überraschenden Ausblicken. Wilhelm war ein Mann der deutschen Romantik, und er baute sich eine Burg. Eine Burgruine. Ob man die noch als folly bezeichnen kann? Denn ein Augenzwinkern des Bauherren, einen Schuss Selbstironie, sucht man hier vergeblich. Nie hat ein kleiner Junge seine Ritterburg so ernst genommen, wie Wilhelm seine Löwenburg. Er bewohnte sie auch, mit seiner Mätresse, und am Ende ließ er sich hier zu Grabe tragen.

      Die Löwenburg ist Teil der Mittelalterromantik, die später auch in scheinbar alten deutschen Schlössern wie Stolzenfels am Rhein, der Wartburg in Thüringen, der Burg Hohenzollern und Neuschwanstein auflebte. Das Bild vom Mittelalter ist weltweit geprägt durch diese romantische Narretei. Es ist wie ein böser Scherz der Geschichte, dass die Scheinruine Löwenburg im Bombenkrieg wirklich zur Ruine wurde. Als hätte der Kriegsgott Mars beim hübschen Spiel zwischen Schein und Sein ein wenig mitspielen wollen. Die Wilhelmshöhe wurde im März 1945 in einem gezielten Luftangriff zerstört. Kassel selbst, eine der schönen und sorgsam gehüteten Residenzstädte, war bereits im Herbst 43 untergegangen, in einem Feuersturm mit vielen tausend Toten.

      Was die Bomben verschonten, fiel dem Wiederaufbau zum Opfer. Nur nicht zurückblicken! Nichts mehr wissen wollen von dem Alten! Schlussstrich, Schlussstrich unter alles! Das heutige Kassel hat eine neue Identität. D

      ocumenta-Stadt. Ort der modernen Kunst.

      Auf der Nordseite des Bergparks liegt der "Neue Wasserfall", der 1943, kurz vor dem Untergang des alten Kassel, letztmalig in Betrieb war. In der Gartenkunst des Zen-Buddhismus gibt es die Idee des scheinbar aufgelassenen, des vergessenen, moosüberwachsenen Gartens. Das Spiel von Schein und Sein. Hier rauscht kein Bach mehr, das Reservoir ist leer. Es sieht aus, als hole sich die Natur zurück, was ihr gehört. Des Menschen Werk ist vergänglich.

      Film von Andreas Schmidt

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