• 01.02.2012
      22:15 Uhr
      Sturm Spielfilm D / DK / NL 2009 - Berlinale-Schwerpunkt: Berlin im Bärentaumel | arte
       

      Hannah Maynard ist Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Es gelingt ihr, eine in Berlin lebende Bosnierin zu überzeugen, gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher auszusagen ...

      Mittwoch, 01.02.12
      22:15 - 23:50 Uhr (95 Min.)
      95 Min.

      Hannah Maynard ist Anklägerin am Kriegsverbrechertribunal für das ehemalige Jugoslawien in Den Haag. Es gelingt ihr, eine in Berlin lebende Bosnierin zu überzeugen, gegen einen mutmaßlichen Kriegsverbrecher auszusagen ...

       

      Die Juristin Hannah Maynard vertritt die Anklage am Kriegsverbrechertribunal in Den Haag gegen Goran Duric, einen ehemaligen Befehlshaber der jugoslawischen Volksarmee. Ihm wird vorgeworfen, für die Deportation und Ermordung bosnisch-muslimischer Zivilisten im heutigen serbischen Teil Bosniens, der Republika Srpska, verantwortlich zu sein.
      Als sich der wichtigste Augenzeuge der Anklage, Alen Hajdarevic, bei seiner Aussage in Widersprüche verstrickt, schickt das Gericht eine Delegation nach Bosnien, um sich vor Ort ein Bild zu machen. Die Zweifel an der Glaubwürdigkeit des Zeugen erhärten sich, allem Anschein nach sagt er nicht die Wahrheit. Kurz darauf findet man seine Leiche. Er hat sich in seinem Hotelzimmer das Leben genommen.
      Anklägerin Hannah gibt den Fall nicht verloren. In der Hoffnung auf neue Erkenntnisse reist sie zur Beerdigung des Zeugen nach Sarajevo und trifft dort auf dessen Schwester Mira. Schon bald gewinnt sie den Eindruck, dass die junge Frau mehr über die Vorfälle wisse, als sie zunächst zugeben möchte.
      Obwohl Mira Angst hat, sich der Vergangenheit zu stellen und damit ihre ahnungslose Familie zu gefährden, mit der sie sich in Deutschland ein neues Leben aufgebaut hat, liefert sie schließlich den entscheidenden Hinweis für Durics Verbrechen und erklärt sich bereit, ihre Aussage vor dem Tribunal in Den Haag zu wiederholen.
      Unmittelbar vor der entscheidenden Verhandlung versuchen Durics Verteidiger, Miras Zulassung als Zeugin zu verhindern - und finden mit ihrem Anliegen unerwartet Unterstützung von Seiten der Richterschaft. Hannah begreift, dass ihre Gegner nicht nur auf der Anklagebank, sondern auch in den eigenen Reihen zu finden sind.

      Hans-Christian Schmids 2009 in den Kinos präsentierter eindringlicher und moderner Politthriller über die Verhandlung eines serbischen Kriegsverbrechers vor dem europäischen Gerichtshof ist heute aktueller denn je. Nachdem bereits vor dem Dreh mehrere Kriegsverbrecher, darunter der serbische Ex-Präsident Slobodan Milosevic und der kroatische Ex-General Ante Gotovina, wegen Völkermordes in Den Haag vor Gericht standen, sind 2011 zwei weitere lang gesuchte mutmaßliche Kriegsverbrecher gefasst worden: Ex-General Ratko Mladic und der ehemalige politische Führer serbischer Rebellen, Goran Hadzic.

      Wie in "Sturm" präzise dargestellt, bemüht sich das internationale Den Haager Gericht um Verurteilungen, doch die sind, alles andere als eindeutig und einfach zu erringen. Politische Interessen, starre Bürokratien, Schuldbestreitungen seitens der Angeklagten und taktische Verzögerungen seitens ihrer Verteidigung machen nicht nur der Figur der Anwältin Hannah Maynard, gespielt von Kerry Fox, die Anklage schwer. Auch in Realität führen sie zum Scheitern des Gerichtshofs. 2006 starb Angeklagter Milosevic nach vier Prozessjahren vor seiner Urteilsbekanntgabe in Haft.
      Die Gratwanderung zwischen dem Ideal der Gerechtigkeit und nüchternem Pragmatismus wird von den drei unterschiedlichen Anklägern Hannah Maynard, Keith Haywood und Patrick Färber sehr verschieden durchlebt. Während der stellvertretende Chef-Ankläger Keith ohne schlechtes Gewissen außerhalb des Prozesses eine Vereinbarung mit dem Anwalt des Angeklagten eingeht, hadert seine ihm nachgeordnete Kollegin Hannah. Die Vereinbarung schließt die Verurteilung des Angeklagten wegen Vergewaltigung aus, was die Aussage ihrer Zeugin quasi nutzlos machen würde. Der idealistische Assistent Patrick ist angesichts dieser Vereinbarung fassungslos.
      Der idealistische Assistent Patrick ist angesichts dieser Vereinbarung fassungslos.

      Regisseur und Produzent Hans-Christian Schmid verfasste gemeinsam mit Drehbuchautor Bernhard Lange das Drehbuch zu "Sturm". Schmid wurde 1995 mit seinem ersten Kinofilm "Nach fünf im Urwald" schlagartig bekannt, in dem er Franke Potente entdeckte. Sein Film "Requiem", auf der Berlinale uraufgeführt, erhielt 2006 fünf Deutsche Filmpreise und war der Durchbruch für Sandra Hüller. Drehbuchautor Bernd Lange, der bereits für Schmid die Vorlage von "Requiem" schrieb, verfasste die Bücher zu Manuel Flurin Hendrys Tatort: "Neuland" (2009) und zu Matti Geschonneks "Der Verdacht" (2011). Auch bei Schmids jüngstem Projekt, dem derzeit in der Endfertigung stehenden "Was bleibt", war Lange der Autor.

      "The Hollywood Reporter" war von der authentischen Inszenierung des Films "Sturm" überzeugt: "Die eskalierenden Bedrohungen, die politischen Ränkespiele, die zunehmende Verunsicherung im Leben der Protagonisten und die Intrigen aus allen Richtungen lassen den Film zu einem faszinierenden Schachspiel werden: Ein Spiel jedoch, dessen Herz menschliche Gefühle und die schwierige Suche nach Gerechtigkeit bilden."

      Die hochkarätige Besetzung setzt sich aus international bekannten Größen zusammen. In der Rolle der Anklägerin Maynard brilliert die Neuseeländerin Kerry Fox, welche bereits 2001 für ihre Darstellung in "Intimacy" den Silbernen Bären gewann. Die vielfach ausgezeichnete rumänische Schauspielerin Anamaria Marinca ("4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage") mimt die bosnische Augenzeugin. Jupiter Award-Preisträger Alexander Fehling ("Wer wenn nicht wir", "Goethe!") spielt, an der Seite von Stephen Dillane ("The Hours") und Wallander-Star Rolf Lassgård, den angehenden Ankläger Patrick.

      Die deutsch initiierte, aber mit internationalem Blick inszenierte Produktion kam als "Révelation" in die französischen Kinos und stieß dort auf eine Resonanz, die die in Deutschland noch übertraf. Das französische Kulturmagazin "Télérama" lobte: "Die Inszenierung von Hans-Christian Schmid erinnert mit ihrer Schonungslosigkeit und ihrem dokumentarischen Realismus an die Politthriller der 70er Jahre, wo jede kalte, klinische Kulisse nach Komplott roch."

      Der von ARTE koproduzierte "Sturm" von Hans-Christian Schmid wurde 2009 für sein Sujet und seine Inszenierung mehrfach ausgezeichnet, unter anderem mit dem Amnesty International Filmpreis bei der Berlinale 2009, dem VdA-Autorenpreis für Bernd Lange, dem Friedenspreis des Deutschen Films, dem Deutschen Filmpreis in Silber in der Kategorie bester Spielfilm (2010) und dem Deutschen Filmpreis in Gold für den besten Schnitt und die beste Filmmusik.

      Wird geladen...

programm.ARD.de © rbb | ARD Play-Out-Center || 05.12.2022