• 14.08.2011
      17:15 Uhr
      Live von den Bayreuther Festspielen 2011 Richard Wagner: "Lohengrin" - I. und II. Akt | arte
       

      Mit der ersten Neuinszenierung ihrer Intendanz gelang im vergangenen Sommer Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ein fulminanter Start. Erstmalig ist das Fernsehen live mit dabei in Bayreuth.

      Sonntag, 14.08.11
      17:15 - 20:00 Uhr (165 Min.)
      165 Min.
      Stereo

      Mit der ersten Neuinszenierung ihrer Intendanz gelang im vergangenen Sommer Katharina Wagner und Eva Wagner-Pasquier ein fulminanter Start. Erstmalig ist das Fernsehen live mit dabei in Bayreuth.

       

      In den beiden Pausen vermittelt Annette Gerlach das besondere Flair des "grünen Hügels", spricht mit Mitwirkenden und Gästen und blickt zusammen mit Stephan Mösch, dem Chefredakteur der "Opernwelt", auch anhand von historischen Filmausschnitten zurück auf die Geschichte der Bayreuther Festspiele.

      Für sein Debüt auf dem Grünen Hügel bricht Starregisseur Hans Neuenfels, der Nestor des Regietheaters, radikal mit der Tradition des märchenhaften "Lohengrin"-Pathos. Er geht auf Distanz zu mythischer Entrücktheit und raunenden Heilsversprechen - und versetzt die Handlung ins Versuchslabor. Zusammen mit seinem nie um eine surreale Bildidee verlegenen Bühnenbildner Reinhard von der Thannen suchte Neuenfels nach einer Bildmetapher für das wankelmütige Volk im Lohengrin - eine opportunistische und führerbegeisterte Masse in Waffen klirrender Kriegsstimmung.

      Anstelle des im Libretto vorgeschriebenen sächsischen, thüringischen und brabantischen Edelvolks stehen nun ganze Rudel von Ratten auf der Bühne: der berühmte Hochzeitsmarsch "Treulich geführt" - ein Zug des Ratten-Chores; das Volk von Brabant als Laborratten, geduckte Kreaturen, eingesperrt im klinisch weißen Labor. Diese Tiere, bekannt für ihre Anpassungsfähigkeit und ihren Überlebensinstinkt, sind possierlich und bösartig zugleich - und eine provokante Zumutung für Bayreuther Traditionalisten.

      Neuenfels dekliniert die ironische Tiermetapher konsequent durch die Handlung und findet suggestive und anspielungsreiche Bilder, die unter die Haut gehen und im Gedächtnis haften: der Mensch als Laborversuch, als Ratte unter Kontrolle einer anonymen Macht, die ihn in klinischen Schutzanzügen und mit Spritzen kontrolliert.
      Wagner selbst hat den "Lohengrin" als seine traurigste Oper bezeichnet, weil hier Märchenfiguren in einer ausweglosen Welt scheitern. Diese Trauer bricht Neuenfels mit burlesken Regieeinfällen und witzigen Anspielungen - um am Ende doch die ernste Kernbotschaft zu vermitteln. So erleidet zum Beispiel der Schwan, der Lohengrin nach Brabant brachte, ein ebenso tragisches wie komisches Schicksal: Die Nager packen ihn in einen sargähnlichen Bräter und rupfen ihn, bis er am Ende des ersten Aufzugs als nackter Braten über der Szenerie schwebt. Spätestens hier ahnt der Zuschauer: Der Mensch zerstört, was er lieben sollte, und lässt wohl auch den heilsbringenden Gralsritter nicht ungerupft.

      Der Dirigent Andris Nelsons war für sein Bayreuth-Debüt im vergangenen Jahr von der Kritik einhellig gefeiert worden: "Wunder an Harmonie, luftig-leichte Orchesterführung und differenzierte Gestaltung" wurden Nelsons attestiert, und die "Die Zeit" vergleicht ihn mit der Weltspitze der Dirigenten: "Seit Christian Thielemann ist kein Dirigent mehr am Grünen Hügel auf Anhieb so gut mit der heiklen, zauberisch indirekten Akustik des Festspielhauses klargekommen wie Andris Nelsons."

      Zur Entstehung und Geschichte des Werks:
      Mit dem "Lohengrin"-Stoff beschäftigte sich Wagner erstmals während seiner Zeit in Paris. Die Anregung kam von derselben Abhandlung, die ihn schon zum "Tannhäuser" inspiriert hatte. Für sein neues Werk betrieb Wagner intensives Quellenstudium: Joseph Görres' Ausgabe des "Lohengrin"-Epos, eine Neuübertragung von Wolfram von Eschenbachs "Parsifal", die Sagen- und Mythensammlungen der Brüder Grimm, Jacob Grimms "Deutsche Rechtsaltertümer" und eine "Flandrische Staats- und Rechtsgeschichte bis zum Jahr 1305".
      Im Sommer 1845 schrieb er während eines Kuraufenthalts in Marienbad in nur wenigen Tagen den gesamten Prosaentwurf nieder, im Spätherbst vollendete Wagner die Dichtung. Mit der Vertonung begann er im folgenden Sommer, am 28. April 1848 vollendete Richard Wagner endlich die Komposition des "Lohengrin" - und schließt damit seine "romantische" Schaffensperiode ab.
      Die Uraufführung war ursprünglich an der Dresdner Hofoper vorgesehen, doch wegen Wagners Bekenntnis zur Pariser Revolution von 1848 war daran nicht mehr zu denken. Schließlich wagte Franz Liszt 1850 die Uraufführung in Weimar. Zu dem Zeitpunkt war Wagner bereits ein steckbrieflich gesuchter Barrikadenkämpfer, der in der Schweiz politisches Asyl genoss.
      Die Weimarer Uraufführung vom 28. August 1850 wurde weitgehend verständnislos aufgenommen, das Werk schien zu anspruchsvoll, seine Gestalten zu weit entfernt vom Gewohnten. Doch der "Lohengrin" setzte sich durch, allein in den folgenden zehn Jahren führten ihn nicht weniger als 21 Theater auf. 1861 sah dann der 15-jährige bayerische Kronprinz Ludwig das Werk zum ersten Mal - ein folgenreiches Erlebnis, denn es veranlasste Ludwig, unmittelbar nach seiner Thronbesteigung 1864 Wagner an den Münchner Hof zu binden.
      Über eine Neuinszenierung der Oper kam es 1867 zum Streit zwischen dem König und Wagner. Dieser wollte nämlich schlichtes ("frühmittelalterliches") Dekor, während Ludwig auf einer prachtvollen Ausstattung im "Neuschwanstein"-Stil bestand. Der König setzte sich durch und begründete damit eine Aufführungstradition, in der der "Lohengrin" meist als aufwendig dekoriertes Märchenspektakel in Szene gesetzt wurde.
      In der Folge war die "Lohengrin"-Rezeption zunehmend nationalistisch gefärbt. Die Identifikation mit dem Heilsbringer Lohengrin wurde Teil einer offiziellen Ideologie. So ließ sich Kaiser Wilhelm II. bei seinem Einzug in Hamburg in einem von einem Schwan gezogenen Boot sehen. Und noch Adolf Hitler wurde von der nationalsozialistischen Propaganda ohne Umschweife mit dem "Führer von Brabant" gleichgesetzt.

      Hans Neuenfels:
      Hans Neuenfels wurde 1941 in Krefeld geboren. Er veröffentlichte schon in frühen Jahren Lyrik und Prosa, 1991 erschien sein Roman "Isaakaros", 2001 seine Erzählung "Neapel oder die Reise nach Stuttgart". Seine Schauspiel- und Regieausbildung erhielt er am Max-Reinhart-Seminar in Wien. Er inszenierte unter anderem am Schauspiel Frankfurt, das er unter der Leitung von Peter Palitzsch mitprägte, in Stuttgart, Hamburg, Berlin, München, Zürich und Wien.
      Von 1986 bis 1990 war er Intendant der Freien Volksbühne Berlin. Er drehte Filme über Kleist, Musil, Genet und Strindberg.1994 erhielt er die Kainz-Medaille der Stadt Wien. Seit 1974 führt er Opernregie, er erarbeitete unter anderem in Frankfurt Aida und Macbeth, Schrekers "Die Gezeichneten" und Busonis "Doktor Faust". In Paris die Uraufführung von York Höllers "Der Meister und Margarita", an der Staatsoper Stuttgart "Die Meistersinger von Nürnberg", "Die Entführung aus dem Serail", "Don Giovanni" und die Uraufführung von Adriana Hölszkys Oper "Giuseppe et Sylvia", zu der er das Libretto schrieb. Für die Wiener Festwochen inszenierte er die Uraufführung von Hölszkys "Die Wände nach Genet", in der Wiener Volk

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