• 15.10.2018
      05:00 Uhr
      Hommage Einojuhani Rautavaara Vigilia Teil 1: Vesper | arte Mediathek
       

      Geflüsterte Passagen, Glissandi und Stimmcluster prägen das wichtigste Chorwerk der finnisch-orthodoxen Kirche, der "Vigilia" zu Ehren von Johannes dem Täufer. Geschrieben wurde sie von einem Lutheraner: Einojuhani Rautavaara ist einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen finnischen Musik. ARTE zeigt den ersten Teil der Aufführung des Kammerchors Helsinki unter Leitung von Nils Schweckendiek. Aufgezeichnet wurde die "Vigilia" in der Uspenski-Kathedrale Helsinki, am Ort der Uraufführung.

      Montag, 15.10.18
      05:00 - 05:45 Uhr (45 Min.)
      45 Min.
      Stereo HD-TV

      Geflüsterte Passagen, Glissandi und Stimmcluster prägen das wichtigste Chorwerk der finnisch-orthodoxen Kirche, der "Vigilia" zu Ehren von Johannes dem Täufer. Geschrieben wurde sie von einem Lutheraner: Einojuhani Rautavaara ist einer der wichtigsten Vertreter der zeitgenössischen finnischen Musik. ARTE zeigt den ersten Teil der Aufführung des Kammerchors Helsinki unter Leitung von Nils Schweckendiek. Aufgezeichnet wurde die "Vigilia" in der Uspenski-Kathedrale Helsinki, am Ort der Uraufführung.

       

      Die orthodoxe Kirche Finnlands ist nach der lutheranischen die zweitgrößte Religionsgemeinschaft des Landes. Ihr Zentrum ist die Uspenski-Kathedrale in Helsinki, die mit ihrer Fassade aus roten Klinkersteinen das Bild der Stadt prägt. Dort wurde das wichtigste liturgische Chorwerk der finnisch-orthodoxen Kirche uraufgeführt, die "Vigilia" zu Ehren von Johannes dem Täufer von Einojuhani Rautavaara. Im September 2013 wurde die "Vigilia" am Ort der Uraufführung zu Ehren und im Beisein des Komponisten wieder aufgeführt.
      Einojuhani Rautavaara ist einer der wichtigsten Figuren der zeitgenössischen finnischen Musik und feierte am 9. Oktober 2013 seinen 85. Geburtstag. Er war zwar Lutheraner, wurde aber bereits in seiner Kindheit von den orthodoxen Kirchen mit ihren Ikonen geprägt. Ursprünglich waren es zwei Messen, die Rautavaara für die Konzertbühne zu einem Werk zusammenführte.

      ARTE zeigt den ersten Teil der "Vigilia", das Abendgebet. Sie ist für gemischten Chor ohne Begleitung angelegt. In der orthodoxen Kirchenmusik sind Musikinstrumente nicht erlaubt. Rautavaara hält sich auch an das Gebot der Verständlichkeit des Textes, legt das Werk aber viel dramatischer an, als es in der orthodoxen Tradition üblich ist. Die harmonischen Stimmcluster, geflüsterte Passagen und Glissandi tragen dazu bei. Die Musik folgt dem Rhythmus der finnischen Sprache mit ihren doppelten Vokalen und Konsonanten. Die "Vigilia" war ursprünglich ein Auftragswerk des Helsinki-Festivals und der finnisch-orthodoxen Kirche

      Nils Schweckendiek, der musikalische Leiter, zur "Vigilia":
      "Die ‚Vigilia' wurde als Auftragswerk für die Festspielwochen Helsinki geschrieben und bestand ursprünglich aus zwei Teilen, einem Abendgottesdienst und einem Morgengottesdienst.
      Die Musik der finnisch-orthodoxen Kirche ist meines Wissens einfach. Der Text steht im Vordergrund und soll nicht besonders interpretiert, sondern nur gehört und verstanden werden. Rautavaaras Komposition hingegen ist eine sehr dramatische Interpretation der Texte.
      Sie hat von Anfang an nicht wirklich in das orthodoxe Kirchenmusik-Verständnis gepasst. Zum anderen fiel die Uraufführung - die beiden Teile wurden übrigens 1971 bzw. 1972 in derselben Kathedrale uraufgeführt, wo auch die jetzige Aufführung stattfand - auf einen ganz besonderen Feiertag: Der Festtag Johannes des Täufers war ein Sonntag, an dem die vierte liturgische Melodie verwendet wurde. Diese Konstellation gibt es nur alle 40 bis 50 Jahre. Außerhalb dieses besonderen Zeitpunktes durfte Rautavaaras Musik im kirchlichen Kontext gar nicht verwendet werden. Nach der Uraufführung wäre das nächste mögliche Datum für eine liturgische Aufführung 2004 gewesen. So hat diese Musik einerseits nicht so gut in das Bild einer orthodoxen Kirchenmusik gepasst, andererseits war sie eben auch nicht ‚nutzerfreundlich', wie man es heutzutage ausdrücken würde. Aus diesem Grund hat sich Rautavaara entschieden, aus seinen Gottesdiensten ein Konzertstück zu machen. Diese sogenannte Konzertfassung ist auch die einzige, die er heutzutage zur Aufführung zulässt. In dieser Fassung hat er die wichtigsten gesungenen Teile aus den beiden Gottesdiensten noch einmal überarbeitet und zu einem rein musikalischen Gebilde zusammengefügt. Die meisten Priestergesänge und alles, was zwischen der Musik passiert, fällt weg und das Ganze wird zu einer Art symphonischen Dichtung für Chor über diese orthodoxen Texte, die ja wirklich inhaltlich sehr dramatisch sind und die der Komponist auch wirkungsvoll umsetzt. Der Text ist immer noch sehr verständlich, aber Rautavaara schafft eindrucksvolle musikalische Klanggebilde, um die Wirkung zu unterstreichen. Man darf nicht vergessen, dass er auch ein erfolgreicher Opernkomponist ist. Sein Sinn für Dramatik ist auch in der ‚Vigilia' wiederzufinden.
      Als Rautavaara den Kompositionsauftrag angenommen hatte und sich mit der orthodoxen Kirchenmusik auseinanderzusetzen begann, hat er sehr schnell entdeckt, dass die Traditionen, die wir aus der russisch-orthodoxen Kirchenmusik kennen, eigentlich zum Großteil aus dem 19. Jahrhundert stammen. Er wollte aber weiter in die Vergangenheit gehen. So zitiert er mit dem Teil ‚Antiphon' eine byzantinische Melodie und setzt sich mit einem ursprünglichen Aspekt der orthodoxen Kirchenmusik auseinander. Auch hält er sich an das Verbot von Musikinstrumenten in der orthodoxen Kirche, also an das Gebot, ausschließlich die menschliche Stimme einzusetzen. Trotz dieser Begrenzungen schafft er etwas, das nach Rautavaara klingt. Das will heißen: an erster Stelle seine sehr persönliche, ausdrucksvolle harmonische Sprache, dann auch eine bestimmte Melodiebildung, sowie sein Sinn für langfristige dramatische Spannung und Entwicklung. Letzteres ist vor allem mit der Konzertfassung entstanden, die ja verschiedene Stadien durchlief, bis Rautavaara 1996 bei der Fassung ankam, die er als endgültig betrachtet.

      Musik: Helsingin Kamarikuoro
      Regie: Tiina Siniketo
      Komponist: Einojuhani Rautavaara
      Dirigent: Nils Schweckendiek

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