• 27.03.2019
      21:45 Uhr
      FilmMittwoch im Ersten: Brecht (2/2) Das Einfache, das schwer zu machen ist - Zweiteiliger Fernsehfilm Deutschland 2019 | Das Erste Tipp
       

      Die Schweiz wollte Brecht, den staatenlosen Rückkehrer aus dem Exil, nicht behalten, Westdeutschland ihn anscheinend nicht haben. Da kam ein Angebot aus dem sowjetischen Sektor Berlins gerade recht. Die "Mutter Courage" soll es sein, am "Deutschen Theater". Die SED-Kulturbürokratie betrachtet das Brecht-Projekt von Anfang an mit Misstrauen; wie Sozialistischer Realismus nach Moskauer Art sieht das nicht aus. Der 17. Juni 1953 zeigt Brecht deutlich: Da stimmt etwas nicht. Das Verhältnis von Staat und Wissenschaft betrachtet er in einer Neuinszenierung des Galilei 1956 - aber er erlebt die Aufführung nicht mehr.

      Mittwoch, 27.03.19
      21:45 - 23:15 Uhr (90 Min.)
      90 Min.

      Die Schweiz wollte Brecht, den staatenlosen Rückkehrer aus dem Exil, nicht behalten, Westdeutschland ihn anscheinend nicht haben. Da kam ein Angebot aus dem sowjetischen Sektor Berlins gerade recht. Die "Mutter Courage" soll es sein, am "Deutschen Theater". Die SED-Kulturbürokratie betrachtet das Brecht-Projekt von Anfang an mit Misstrauen; wie Sozialistischer Realismus nach Moskauer Art sieht das nicht aus. Der 17. Juni 1953 zeigt Brecht deutlich: Da stimmt etwas nicht. Das Verhältnis von Staat und Wissenschaft betrachtet er in einer Neuinszenierung des Galilei 1956 - aber er erlebt die Aufführung nicht mehr.

       

      Stab und Besetzung

      Bertolt Brecht (1947-1956) Burghart Klaußner
      Ruth Berlau Trine Dyrholm
      Caspar Neher (1956) Ernst Stötzner
      Regine Lutz Maria Dragus
      Helene Weigel (1947-1956) Adele Neuhauser
      Käthe Reichel Anna Herrmann
      Isot Kilian Laura de Boer
      Ernst Busch Götz Schubert
      Käthe Rülicke Karolina Horster
      Egon Monk Franz Dinda
      Regie Heinrich Breloer
      Musik Hans-Peter Ströer
      Kamera Gernot Roll
      Buch Heinrich Breloer

      Die Schweiz wollte Brecht, den staatenlosen Rückkehrer aus dem Exil, nicht behalten, Westdeutschland ihn anscheinend nicht haben. Da kam ein Angebot aus dem sowjetischen Sektor Berlins gerade recht. Die "Mutter Courage" soll es sein, am "Deutschen Theater". Zwischen den Trümmern der zerbombten Reichshauptstadt, das passt. Die Überlebenden des großen Krieges sollen sehen, wie sie selber vor kurzem noch waren. Die Marketenderin Courage setzt auf das Geschäft mit dem Krieg, aber sie verliert alles. Die kleinen Leute verlieren immer. Aber die Courage lernt nichts daraus, sie zieht weiter. "Das Frühjahr kommt ..." Mit Helene Weigel in der Titelrolle wird die Aufführung ein überwältigender Erfolg.

      Brecht und Helene Weigel packen in Berlin-Weißensee endlich das Fluchtgepäck aus: die Stücke, die er aus dem Exil mitgebracht hat. Der Staat will ihm großzügig ein eigenes Ensemble finanzieren, da kann er endlich sein Theater der Zukunft im Spiel erproben. Helene Weigel soll die Intendantin werden, und sie wird diese Aufgabe großartig erfüllen. "Sie war die Mutter von das Ganze! Ja, das war sie. Und alles Unangenehme hat sie gemacht, sie hat Brecht alles aus dem Weg geräumt." So erinnert sich die Schauspielerin Regine Lutz.

      Die SED-Kulturbürokratie betrachtet das Brecht-Projekt allerdings von Anfang an mit Misstrauen; wie Sozialistischer Realismus nach Moskauer Art sieht das nicht aus, was sich da auf der Bühne abspielt. Brecht will die Ursachen der "deutschen Misere" aufgraben. Im "Hofmeister" nach einer Komödie des Sturm und Drang muss sich der Hauslehrer einer Adelsfamilie buchstäblich kastrieren, um in der feudalistischen Gesellschaft seinen niedrigen Platz behalten zu dürfen. Am Ende heißt es: "Gebrochen ist sein Rückgrat. Seine Pflicht / Ist, dass er nun das seiner Schüler bricht." Brecht klagt den deutschen Untertanengeist an, und der ist auch im Arbeiter- und Bauernstaat nicht ausgestorben.

      Brechts Assistent Egon Monk soll Goethes "Urfaust" inszenieren, aber Brecht rückt selber immer näher an die Bühne heran. Die junge Käthe Reichel, das Gretchen, hat es ihm angetan. Sie ist einige Zeit seine Favoritin. Bis auch sie sich von ihm vernachlässigt fühlt und leidet. "Ein Prometheus, der den Göttern das Feuer entreißen will? Aber nicht die Spur! Das ist ein engbrüstiger Professor, ein hilfloser Gernegroß, ein Psychopath!" Bei dieser Faust-Figur platzt der SED der Kragen. So kann man der Arbeiterklasse das humanistische Erbe der deutschen Klassik doch nicht nahebringen! Ist es nicht an der Zeit, dass das Berliner Ensemble sein Schaffen überprüft? - Brechts Theater ist gefährdet. Im Frühjahr 1953 droht der Stückeschreiber, in der DDR "abzubauen", wenn man ihm das Schiffbauerdammtheater nicht endlich gibt.

      Kurz darauf, am 17. Juni, demonstrieren die Bauarbeiter der Stalinallee. Zuerst geht es nur gegen die willkürlich erhöhten Arbeitsnormen und die schlechten Lebensbedingungen, zuletzt gegen die Regierung. Ein Aufstand. Brecht sieht mit Sorge die Kluft zwischen den Arbeitern und diesem Staat, der ihnen doch angeblich gehört. In einem Brief an Walter Ulbricht beteuert er seine "Verbundenheit mit der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands", äußert aber gleichzeitig die Hoffnung auf eine große "Aussprache mit den Massen". Nur die Ergebenheitsadresse wird veröffentlicht; die Aussprache mit den Massen führt die SED lieber später im Gerichtssaal.

      Auf einer Betriebsversammlung im Theater können die Bühnenarbeiter in diesem Haus zum ersten Mal öffentlich Texte sprechen, die sie selber geschrieben haben. "Die Arbeiter gehen in die Arbeit mit einer Marmeladenstulle", "Die Forderungen nach einer anderen Regierung, nach freien Wahlen, das sind echte Forderungen der Bevölkerung!" Das geht Brecht viel zu weit: "Diese Forderung nach freier Wahl wäre meiner Meinung nach in keiner Weise für uns sinnvoll."

      In Buckow, seinem Sommerrefugium in der Märkischen Schweiz, denkt Brecht über die Lage nach. Der 17. Juni hat ihm deutlich gezeigt: Da stimmt etwas nicht. Ist es wirklich nur das falsche Führungspersonal hier, das die Utopie in so weite Ferne rückt? Er schreibt sein Gedicht über die Regierung, die sich doch besser ein neues Volk wählen soll, weil es ihr Vertrauen verscherzt hat. Wie alle seine politisch brisanten Texte landet es in der Schublade.

      Helene Weigel ist inzwischen aus der Villa in Weißensee ausgezogen. Brecht hat sie bei den Proben zu "Die Gewehre der Frau Carrar" als Schauspielerin in Frage gestellt, beschimpft und gedemütigt. Und über "diese untragbaren Weibergeschichten da, mit diesen blöden Frauenzimmern" sagt sie im Interview mit dem Brecht-Forscher Werner Hecht: "Das hat alles sehr, sehr weh getan." Bald lebt sie aber wieder in seiner Nähe - in der Wohnung über ihm, als er in die Chausseestraße 125 gezogen ist.

      Noch eine weitere Frau ist in dieser ganzen Zeit wichtig in Brechts Umgebung: Ruth Berlau. Sie kommt aus Dänemark und hat ihren Geliebten als Mitarbeiterin den ganzen Weg durchs Exil begleitet. Jetzt fotografiert sie die Inszenierungen des "Berliner Ensembles" für die Modellbücher. Während der Proben zum "Kaukasischen Kreidekreis" wird sie schmerzhaft an ihre eigene Geschichte erinnert.

      Michel heißt der kleine Gouverneurssohn, um den sich die leibliche und die fürsorgliche Mutter im "Kreidekreis" streiten; Michel hieß das Kind, das Ruth Berlau in den USA von Brecht erwartete, als sie am "Kreidekreis" arbeiteten. Es starb damals gleich nach der Geburt. Jetzt ist Berlau tief unglücklich. Immer weniger kann sie die Augen davor verschließen: Was er ihr einmal versprochen hat, ein gemeinsames Leben in Liebe und Arbeit für die "dritte Sache", den Sozialismus - daraus wird nichts.

      All seine Kreativität und Spielfreude zeigt Brecht noch einmal bei den "Kreidekreis"-Proben. "Dieses bürgerliche Geschwätz vom Charakter, der immer wieder durchschlägt wie der Fettfleck in der Hose!" Nicht mit Psychologie sollen seine Figuren erklärt und gestaltet werden, sondern aus ihrer gesellschaftlichen Situation heraus.

      Eine späte Liebe erlebt Brecht noch mit der 26 Jahre jüngeren Isot Kilian; sie bleibt seine Geliebte bis zu seinem Tod. Und es geht weiter aufwärts. Ulbricht hat ihm endlich das Schiffbauerdammtheater gegeben, wenn auch nur, damit er mit seinem "volksfremden" Theater darin untergeht. Auf einem Internationalen Theaterfestival in Paris gewinnt das "Berliner Ensemble" einen ersten Preis. Das Publikum jubelt und die Kritik rühmt, wie zeitgemäß und effektiv dieses Brecht-Theater ist.

      Der im Ausland gewonnene Ruhm beginnt, auf die DDR abzufärben: Helene Weigel fasst ihre Lage so zusammen: "Wir sind nicht genau das, was sie wollen. Aber sie wollen nicht verlieren, was sie mit uns haben." Und dann noch in Moskau der Stalin-Friedenspreis. Es ist zwar nicht der Literaturnobelpreis, aber immerhin. "Der Friede ist das A und O aller menschenfreundlichen Tätigkeiten", sagt Brecht in seiner Dankesrede. Die Angst vor dem Atomkrieg - das ist seine größte Sorge. Aber es hört sich bei ihm an, als sei im Sozialismus das Goldene Zeitalter schon ausgebrochen: "Die Impulse der Menschen werden friedlich. Der Kampf aller gegen alle verwandelt sich in einen Kampf aller für alle ..."

      Ein Dreivierteljahr später enthüllt und verurteilt der sowjetische Parteichef Chruschtschow in einer Geheimrede Stalins Verbrechen, den Terror der "Großen Säuberung". Damals sind in der Sowjetunion Millionen Unschuldiger exekutiert worden oder in Lagern umgekommen, auch gute Bekannte und eine Freundin Brechts waren darunter. Brecht erhält auf Schleichwegen Kenntnis von dieser Rede. Nun weiß er die ganze Wahrheit - und behält sie für sich.

      In seiner "Galilei"-Inszenierung stellt Brecht noch einmal die Frage nach dem Verhältnis der Wissenschaft zur Macht. Die Schuld des Galilei ist es, die Wahrheit widerrufen und sie den Herrschende

      n zum eigenen Gebrauch oder Nichtgebrauch überlassen zu haben.
      Seine Rechtfertigung: dass er insgeheim weitergeforscht hat und der Wissenschaft neue Erkenntnisse liefern kann. Seine Hände sind befleckt durch den Verrat - "aber besser befleckt als leer". Ähnlichkeiten zwischen Galilei und Brecht? Darüber wäre nachzudenken.

      Brechts Schulfreund Caspar Neher war stets sein mitschöpferischer Bühnenbildner. Der Kalte Krieg hat die beiden voneinander getrennt; nun möchte Brecht ihn für den "Galilei" wiedergewinnen. Ein letztes Treffen der immer noch engvertrauten Freunde gerät ihnen zum Abschied. Die "Galilei"-Aufführung erlebt Brecht nicht mehr. Er stirbt am 14. August 1956 an
      Herzversagen. Helene Weigel organisiert sein Begräbnis, wie er es gewollt hat: nach Sicherstellung des Todes, im Stahlsarg, ohne Reden und Musik am Grab. Sie lässt die überzähligen Totenmasken vernichten und tritt sein Erbe an.

      FilmMittwoch im Ersten

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