03.12.2012
02:30 Uhr
Fashion! (2/3) Anti Fashion | arte

Vom Aufstieg der Designer-Superstars bis zum viel zu frühen Tod von Alexander McQueen: Die Dokumentationsreihe erzählt drei Jahrzehnte Modegeschichte, in denen die Vorherrschaft der Haute Couture gebrochen wurde und die Globalisierung bei den Luxusmarken Einzug hielt. Und sie macht deutlich, inwieweit Geschichte, Politik und kulturelles Geschehen die Mode beeinflussen - und umgekehrt.
Die Mode der 90er Jahre wendet sich ab vom Glamour des vorangegangenen Jahrzehnts. Nüchternheit bis Kargheit wird das Markenzeichen der europäischen Designer.

Die jungen Absolventen der Königlichen Akademie der Schönen Künste in Antwerpen, Ann Demeulemeester, Martin Margiela und Dries Van Noten geben in den 90er Jahren mir ihrer Vorstellung von Mode den Ton an und verwerfen die Vorstellungen von Sex und Glamour, die den Modeschöpfern des vorangehenden Jahrzehnts so sehr am Herzen lagen. Sie stehen für eine intellektuelle, ernsthafte, nüchterne Mode, die sich selbst als "Anti Fashion" bezeichnet. Die belgischen Modedesigner lassen sich in Paris nieder und treffen dort auf eine weitere Verfechterin der Anti Fashion, die Japanerin Rei Kawakubo. Ihre Mode ist schwarz, die Schnitte sind streng, passend zur wirtschaftlichen, politischen (Erster Golfkrieg) und sozialen (Aids-Epidemie) Situation dieser Zeit.
In den USA führt dieses Umfeld zur Entstehung des "Grunge" - vertreten durch Musikbands wie Nirvana und Pearl Jam -, der auf den Laufstegen seinen Niederschlag bei Marc Jacobs für Perry Ellis und Anna Sui findet. Gleichzeitig macht ein neuer Figurtyp von sich reden, der sich völlig von den wohlgeformten Proportionen der 80er Jahre unterscheidet. Kate Moss, ein gerade einmal 16 Jahre junges englisches Model mit androgynem Körper, wird zur Werbe-Ikone für Calvin Klein, dessen schlichte Kreationen von jungen Leuten mit blassem Teint und Augenringen getragen werden. An die Stelle von Grace Jones und Tina Turner, die das Superweib der 80er Jahre verkörperten, treten nun Popstars wie Kim Gordon von der Gruppe Sonic Youth und Patti Smith, die später auch Inspirationsquelle für Modeschöpferin Ann Demeulemeester werden soll.
Minimalismus ist Trumpf, und das verkörpert in dieser Zeit niemand besser als Helmut Lang, dessen 94er Kollektion "Trash and Elegance" heißt. 1997 verlässt Lang Paris und geht nach New York. Dort macht ihn sein skizzenhafter und umrissbetonter Stil zum Liebling der Amerikanerinnen. Er besitzt so viel Einfluss, dass es ihm sogar gelingt, den internationalen Fashion-Kalender für die Vorstellung der neuen Kollektionen so ändern zu lassen, dass die Saison fortan in New York eröffnet wird.
Schon bald beginnen auch die großen Konzerne, sich für die junge Modeschöpfergeneration zu interessieren. Für eine stattliche Summe gehen die Labels von Helmut Lang und Jil Sander - eine weitere Vertreterin des Minimalismus - in den Besitz der Prada-Gruppe über, während die Jeans-Spezialisten von Diesel das Modehaus Margiela kaufen.
Ganz und gar nicht minimalistisch, aber dafür genauso rebellisch, sind die jungen Talente des Central Saint Martin College of Art and Design in London, darunter John Galliano und Alexander McQueen, die mit ihrer sprühenden Kreativität frischen Wind in die Modewelt bringen. Der Aufstieg dieser Modeschöpfer, der in die gleiche Zeit fällt wie der Aufstieg der berühmten "Young British Artists" - unter anderem Damien Hirst, die Chapman-Brüder, Tracey Emin und Sam Taylor-Wood -, macht London zur führenden Talentschmiede, aus der sich die altehrwürdigen französischen Modehäuser auf der Suche nach frischem Blut gerne bedienen. So engagiert die LVMH-Gruppe zuerst John Galliano und später Alexander McQueen, um die Prêt-à-porter-Kollektionen von Dior beziehungsweise von Givenchy zu entwerfen. Die Industrialisierung der Mode ist nicht mehr aufzuhalten.

Nacht von Sonntag auf Montag, 03.12.12
02:30 - 03:25 (55 Min.) VPS 02:35
Stereo HD-TV