02.12.2012
14:40 Uhr
50 Jahre Fluxus Wenn man es - versteht, ist es zu spät | arte

Mit Aktionen von spielerischem Ernst und minimalistisch gehaltenen musikalischen Performances startete eine lose Gruppe von Künstlern und Musikern aus Europa, Japan und den USA Anfang der 60er Jahre ihren Angriff auf die etablierte Kunst und erklärte Fluxus zu einer Antikunst. Anlässlich des 50. Geburtstags der Bewegung, die eigentlich keine sein wollte, stellt die Dokumentation einige ihrer heute noch lebenden, immer noch sehr lebendigen Protagonisten vor und geht der Frage nach, inwieweit die Fluxus-Pioniere bereits Vorläufer der heute so selbstverständlichen Crossmedialität waren.

Fluxus war gleichzeitig eine Form der Aktionskunst, ein Aufbäumen unter Künstlern gegen elitäre Hochkunst und der Versuch, neue kooperative Lebensformen zu schaffen. "Zünden Sie ein Streichholz an und schauen Sie es an, bis es ausgeht!", so lautete die Handlungsanweisung zu Yoko Onos Fluxus-Performance "Lighting Piece". Andere hießen: "Essen Sie mitten auf der Mitte der Straße!" (Ben Vautier) oder "Tröpfeln Sie Musik!" (George Brecht).

Die 1962 von George Maciunas initiierten "Fluxus Internationale Festspiele Neuester Musik" in Wiesbaden gelten als die Geburtsstunde von Fluxus und als ihr Höhepunkt zugleich. Nam June Paik führt hier sein Stück "Zen for Head" auf, bei dem er seinen Kopf samt Haaren in einen Eimer Tinte tauchte und damit einen schwarzen Strich zog, anstatt mit einem Pinsel. Emmett Williams wiederum spielt eine Oper, bei der er 45 Minuten lang auf eine Pfanne schlägt, Dick Higgins lässt sich den Kopf rasieren und Ben Patterson, ausgebildeter Cellist, traktiert sein Instrument mit Schraubzwingen, Klammern und Popcorn, bis schließlich in den sogenannten "Piano Activities" von Phil Corner ein Konzertflügel in seine Einzelteile zerlegt wird. Das war ein Skandal keine zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs, mitten im Wirtschaftswunderland. Die Gesellschaft reagierte damals mit schroffer Zurückweisung auf jedwede Verunsicherung.

Anlässlich des 50. Geburtstags der Bewegung, die eigentlich keine sein wollte, stellt die Dokumentation einige ihrer heute noch lebenden, immer noch sehr lebendigen Hauptfiguren in den Mittelpunkt eines filmischen Reigens:
Der US-amerikanische Künstler und Musiker Ben Patterson ist ein Fluxuskünstler der ersten Stunde. Hartmut Jahn hat ihn in seinem Wiesbadener Atelier besucht, wo Patterson ihm seine Fluxus-Objekte zeigt und einige Fluxus-Performances zum Besten gibt.

In Berlin hat Jahn Mary Bauermeister getroffen, in deren Atelierwohnung in Köln zwischen 1960 und 1961 die ersten "Prä-Fluxus-Veranstaltungen" stattfanden. Musiker und Komponisten wie John Cage, Ben Patterson und Nam June Paik veranstalteten damals auf ihre Einladung hin Konzerte "neuester Musik", Ausstellungen und Aktionen.

In den Hügeln von Nizza lebt der französische Fluxus-Künstler Ben Vautier, der 1963 das erste "Fluxus Festival of Total Art" in Nizza organisierte. Seine fantasievoll gestaltete Fluxusvilla beherbergt auch ein fantastisches Fluxus-Archiv.

Für die "Fluxus wird 50"-Feiern in Wiesbaden, Berlin und Chiasso haben zudem Willem de Ridder aus Amsterdam, Eric Andersen aus Kopenhagen, Phil Corner aus Reggio Emilia sowie die amerikanischen Fluxuskünstler Geoffrey Hendricks und Alison Knowles einige überraschende Fluxus-Darbietungen mitgebracht.
Die Dokumentation ist ein Gruppenbild einer internationalen Künstlergeneration, die noch im hohen Alter mit Witz und Klarheit spielerisch und anarchisch Stellung bezieht.

Ein Film von Hartmut Jahn.

Die Reise mit und zu den Fluxus-Pionieren der 60er Jahre führt dabei zu sehr aktuellen und zeitgenössischen Fragestellungen: In Fluxus wurden erstmals höchst aktuelle Momente zur Arbeitsweise erklärt und erprobt: die Entgrenzung der Kunst - Intermedialität; Arbeit im internationalen Netzwerk - noch ohne adäquate Technologie; die Zusammenführung von Kunst und Leben durch Event-Konzepte, die jeder - ohne Vorbildung, ohne große Kosten und harte Proben - füllen kann und - Stichwort "Open Source" - die jeder nutzen kann.
"Das Wichtigste an Fluxus ist, dass niemand weiß, was es ist. Es soll wenigstens etwas geben, das die Experten nicht verstehen. Ich sehe Fluxus, wo ich auch hingehe." (Robert Watts, 1978).

Sonntag, 02.12.12
14:40 - 15:40 (60 Min.) VPS 14:45
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