• 30.05.2016
      23:00 Uhr
      Die Story im Ersten: Der lange Arm des IS Terror in Europa | Das Erste
       

      Noch immer wissen die Ermittler nicht, was die Worte von Abdelhamid Abaaoud tatsächlich zu bedeuten haben: Zwei Tage vor seinem Tod hatte der mutmaßliche Drahtzieher der Paris-Anschläge seiner Cousine erzählt: Es seien noch viele, viele weitere Terroristen nach Europa eingesickert - bereit zu Anschlägen. 90 an der Zahl: Syrer, Iraker, Franzosen, Engländer - und Deutsche. Wenn das stimmt - wo halten sich diese Männer versteckt? Und was haben sie vor?

      Montag, 30.05.16
      23:00 - 23:45 Uhr (45 Min.)
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      Noch immer wissen die Ermittler nicht, was die Worte von Abdelhamid Abaaoud tatsächlich zu bedeuten haben: Zwei Tage vor seinem Tod hatte der mutmaßliche Drahtzieher der Paris-Anschläge seiner Cousine erzählt: Es seien noch viele, viele weitere Terroristen nach Europa eingesickert - bereit zu Anschlägen. 90 an der Zahl: Syrer, Iraker, Franzosen, Engländer - und Deutsche. Wenn das stimmt - wo halten sich diese Männer versteckt? Und was haben sie vor?

       

      Noch immer wissen die Ermittler nicht, was die Worte von Abdelhamid Abaaoud tatsächlich zu bedeuten haben: Zwei Tage vor seinem Tod hatte der mutmaßliche Drahtzieher der Paris-Anschläge seiner Cousine erzählt: Es seien noch viele, viele weitere Terroristen nach Europa eingesickert - bereit zu Anschlägen. 90 an der Zahl: Syrer, Iraker, Franzosen, Engländer - und Deutsche. Wenn das stimmt - wo halten sich diese Männer versteckt? Und was haben sie vor?

      Jetzt ist Abaaoud, einer der bekanntesten Terroristen Europas, tot. Doch das Netzwerk, das er mit aufgebaut hat, wird erst jetzt wirklich sichtbar: Helfer und Hintermänner in ganz Europa, einige davon noch immer auf der Flucht. Wie viele an der Anschlagserie des vergangenen Jahres beteiligt waren, ist immer noch offen. Gibt es weitere Schläferzellen, die Anschläge planen? Wurde die Gefahr unterschätzt? Haben die Sicherheitsbehörden versagt? Wie konnte ein solches Netzwerk überhaupt entstehen? Und: Reicht es bis nach Deutschland?

      In einer groß angelegten investigativen Recherche suchen Reporter von WDR, NDR und Süddeutscher Zeitung nach Antworten auf diese Fragen. Monatelang haben sie das Netzwerk hinter den Terroranschlägen recherchiert. Sie sprachen mit Geheimdienst-Experten, Ermittlern, Insidern und Augenzeugen. In zahlreichen Gerichtsakten konnten die Reporter nachvollziehen, wie das Netzwerk über Jahre gewachsen ist. Die Reporter finden Dokumente - unter ihnen tausende Papiere der General-Grenz-Verwaltung" des sogenannten "Islamischen Staates". Sie geben tiefe Einblicke in die Organisation des IS. Auch Deutsche finden sich in diesen Papieren. Und Verhörprotokolle belegen, dass auch Deutsche Kontakte mit den Attentätern von Paris und Brüssel hatten.

      "Paris war eine Warnung. Brüssel eine Erinnerung. Was noch kommt wird noch zerstörerischer und schlimmer", schreibt das Propaganda-Magazin des selbsternannten "Islamischen Staates" Mitte April. Der IS hat dem Westen erneut den Krieg erklärt. Ein Krieg, der hier vor allem von jungen Europäern geführt wird. Aus Straßburg, aus Paris, aus Brüssel. In der belgischen Hauptstadt wuchsen wichtige Köpfe des Terror-Netzwerks auf, von hier zogen sie nach Syrien, und hierher kehrten sie zurück, um ihre Anschläge zu planen. In ihrer Heimatstadt konnten sie sich monatelang verstecken, Bomben bauen, Waffen horten. Hier waren sie sicher.

      Es sind Jungen aus dem gleichen Viertel und sie alle sind als Jugendliche kriminell geworden, haben Autos geknackt", so der französische Ex-Geheimdienstler Claude Moniquet Einige von ihnen haben sich radikalisiert. Und sie haben heute noch Verbindungen zu ihren alten Freunden. Sie helfen sich gegenseitig, weil es Clan-Strukturen in dem Viertel gibt. Wie bei der Cosa Nostra." Solche sogenannten Homegrowns" des IS, weiß Moniquet, gibt es überall in Europa.

      In Belgien führen die Namen der Täter immer wieder zu einem mysteriösen Mann in Brüssel: Khalid Zerkani. Der Islamist gilt als Rekrutierer für den Terror. Er sitzt mittlerweile in einem belgischen Hochsicherheitsgefängnis - doch vor seiner Festnahme hatte er in Brüssel jahrelang Dutzende Jugendliche auf kleinkriminelle Beutezüge geschickt - und mit dem Geld offenbar auch Reisen in den Dschihad finanziert. Auch jene der späteren Attentäter. Über Jahre hinweg war dieses Netzwerk gewachsen. Weitgehend unbemerkt.

      Diese Strukturen hätten die Sicherheitsbehörden unterschätzt, kritisiert der belgische Djihadismusexperte Pieter van Ostaeyen: "Die Attentäter sind ausgewiesene Kriminelle. Das haben die Verfolgungsbehörden übersehen. Die Ermittler haben sich in den Monaten davor vor allem auf radikalisierte Islamisten konzentriert. Aber nicht auf die radikalen Kriminellen." Und nicht nur das. Die Sicherheitsbehörden machten noch andere Fehler.

      Im Februar 2015 - wenige Monate vor den Paris Anschlägen - hatten die Behörden Salah Abdeslam, einen guten Freund von Abaaoud, verhört: Ob Salah noch Kontakt zu seinem Kumpel hätte?

      Abdeslam selbst war nie in Syrien gewesen, er war kein Rückkehrer - galt nicht als Gefahr. Dass Abdeslam selbst kurze Zeit später das Attentat vorbereitete, ahnten die Behörden damals nicht. Er blieb unter dem Radar.

      Viel zu lange hatten die Ermittlungsbehörden ohnehin unterschätzt, dass der IS seinen Terror auch nach Europa tragen würde. Erst der vereitelte Anschlag eines Terrorkommandos auf ein Kommissariat im belgischen Verviers im Januar 2015 machte den Behörden endgültig klar: Der Terror sollte von nun an nach Europa getragen werden.

      Rückkehrer werden später aussagen, dass sie in Syrien genau dafür ausgebildet worden waren: Sie waren mit dem Auftrag zu töten nach Europa geschickt worden. Der Anschlag von Verviers konnte verhindert werden, doch Abdelhamid Abaaoud, auch hier wohl Kopf der Terrorzelle, konnte entwischen.

      Zahlreiche Indizien deuten darauf hin, dass sich einige der ausgereisten Belgier um Abdelhamid Abaaoud in Syrien einer elitären libyschen Kampftruppe angeschlossen hatten. Experten vermuten, dass jene Gruppe namens Katibat al-Battar eine wesentliche Rolle für die Attentate in Europa spielt. Tausende Dokumente der General-Grenz-Verwaltung" des sogenannten Islamischen Staates", die den Reportern vorliegen, enthalten unter anderem Hinweise auf genau diese Kampftruppe. Haben auch Deutsche zu dieser Einheit gehört? Experten wie Pieter van Ostaeyen kommen in jedem Fall zu einem düsteren Blick auf die Zukunft, vor allem wenn es nicht gelingt, das Problem der Homegrowns" in europäischen Metropolen zu lösen: Ein Anschlag könnte uns morgen in Amsterdam, Kopenhagen oder Berlin treffen. So wie es der IS seit Monaten ankündigt. Selbst wenn wir das Kalifat zerschlagen, wenn wir ihre Führer töten, wird der IS überleben. IS ist eine Idee, unabhängig vom Territorium, es ist eine Idee, der sich immer wieder Leute anschließen werden."

      Film von Michael Welch

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