05.05.2013
20:15 Uhr
Heute trage ich Rock! Fernsehfilm Frankreich 2008 (La Journée de la jupe) | arte
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Sonia, Lehrerin an einer Problemschule in einer Pariser Vorstadt, ist Tag für Tag den Respektlosigkeiten und Demütigungen ihrer Schüler ausgesetzt. Als ihr der Revolver eines Schülers in die Hände fällt, wird sie unversehens selbst zur Geiselnehmerin der Klasse und fordert einen offiziellen Tag unter dem Motto "Heute trage ich Rock!".

Sonia ist am Ende mit ihrem Latein. Eigentlich ist es ihre Aufgabe, den Schülern die Inhalte des Lehrplans zu vermitteln. Doch dazu kommt sie kaum, da sie sich tagtäglich den Großteil der Unterrichtsstunde mit ihren verzogenen Schülern herumschlagen muss. Der Alltag mit den Halbstarken ist gezeichnet von Respektlosigkeit, Autoritätsverlust und schlichter Demütigung. Um dem grenzenlosen Ärger noch standhalten zu können und nicht resignieren zu müssen, greift sie immer öfter zu Beruhigungsmitteln.

Entgegen dem Rat des Direktors, sich in dieser Brennpunkt-Schule vorsichtshalber neutral in Hosen zu kleiden, tritt Sonia im Rock - und somit bewusst als Frau - vor ihre Klasse. Bewusst als Frau. Darin liegt genau das Problem, da die Schüler aus sozialen Kontexten kommen, in denen eine Frau nicht als Respektperson anerkannt wird. Und prompt erntet Sonia Beleidigungen der schlimmsten Form, wird nicht nur verbal, sondern auch physisch angegriffen.
Bei einer kurzen, aber heftigen Auseinandersetzung mit ihrem Schüler Mouss fällt ein Revolver aus dessen Rucksack zu Boden. Sonia konfisziert die Waffe und nutzt die Situation aus, so dass ihre Schüler endlich mal den Mund halten, allerdings aus Angst. So setzt sie die Stunde über Molière mit der Waffe in der Hand fort.

Sonia bäumt sich ein letztes Mal auf. Da der Direktor vor dem bitteren Unterrichtsalltag seiner Kollegen eher die Augen verschließt, als aktiv etwas an den Verhältnissen zu verändern, weiß Sonia, dass sich nur etwas ändern wird, wenn sie selbst die Fäden in die Hand nimmt. Sie nimmt ihre Schüler als Geisel und selbst noch als in der Schule der Notstand ausgerufen ist, erhebt sie die Forderung, offiziell einen regelmäßigen Tag unter dem Motto "Heute trage ich Rock!" einzuführen, an dem die Mädchen selbstbewusst weiblich gekleidet - im Rock - in die Schule kommen können, ohne um ihren Ruf und um ihre Sicherheit fürchten zu müssen. Die Geiselnahme entwickelt eine verheerende Eigendynamik.

"Heute trage ich Rock!" begeisterte ein internationales Publikum. Dem Drehbuchautor und Regisseur Jean-Paul Lilienfeld gelang eine hochgradig authentische und fesselnde Tragödie über die Kluft zwischen dem immer wieder hoch gehaltenen, republikanischen Schulideal in Frankreich und der meilenweit davon entfernten Realität sozialer Brennpunkte. Selbst in einem Vorort voller sozialer Probleme aufgewachsen, zieht Lilienfeld unerfahrene Jugendliche aus der Pariser Banlieue ausgebildeten Schauspielern vor. Wie auch Laurent Cantet in seinem Cannes-Siegerfilm "Die Klasse" erreicht er dokumentarische Unmittelbarkeit durch den Migrantenslang, die Körpersprache der Laiendarsteller und den Einsatz einer bewegten Handkamera.

Isabelle Adjani, Tochter einer deutschen Mutter und eines algerischen Vaters, zählt zu den unangefochtenen Stars des französischen Kinos. Bereits 1974, im Alter von 19 Jahren, wurde sie für ihre Rolle in "La gifle" (Regie: Claude Pinoteau) mit dem "Suzanne-Bianchetti-Preis" in Frankreich zur besten Nachwuchsschauspielerin gekürt. Ihren Durchbruch feierte sie mit François Truffauts vielfach ausgezeichnetem Drama "Die Geschichte der Adèle H." (1975). Für ihre Rolle als introvertiert-leidenschaftliche Adèle Hugo wurde sie als beste Hauptdarstellerin für einen Oscar sowie für einen César nominiert. Sowohl in diesem Film als auch in Roman Polanskis "Der Mieter" (1976) scheint ihre Affinität zu temperamentvollen Frauenrollen am Rande des Wahnsinns bereits durch. Für ihre Rollen in "Possession" (1981, Regie: Andrzej Zulawski), in "Ein mörderischer Sommer" (1984, Regie: Jean Becker), in "Camille Claudel" (1988, Regie: Bruno Nuytten) und in "La Reine Margot" (1994, Regie: Patrice Chéreau) wurde sie mit einem César prämiert. Außerdem wurde Adjani 1990 für ihre Rolle in "Camille Claudel" für den Oscar nominiert. 2003 stand sie an der Seite von Omar Sharif in François Dupeyrons "Monsieur Ibrahim und die Blumen des Koran" vor der Kamera, 2010 war sie neben Gérard Depardieu in "Mammuth" (Regie: Benoît Delépine und Gustave Kervern) zu sehen. 2012 spielte sie die Titelrolle in "David et Madame Hansen" von Alexandre Astier.

Direkt im Anschluss zeigt ARTE ein Porträt der Hauptdarstellerin unter dem Titel "Isabelle Adjani - Hautnah".

Sonntag, 05.05.13
20:15 - 21:40 (85 Min.)
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