21.09.2012
20:15 Uhr
Ein Jahr nach morgen Fernsehfilm Deutschland 2012 | arte
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Ein Jahr ist es her, dass die 16-jährige Luca eine Lehrerin und eine Mitschülerin erschossen hat. Nun beginnt der Prozess gegen die Schülerin, die beharrlich schweigt. Die Eltern und Freunde, sowohl der Opfer als auch der Täterin, versuchen vergeblich, in ihr Leben vor der Tat zurückzufinden; und alle quält gemeinsam die Frage nach dem Warum.

In der Schule einer mittleren Kleinstadt ist das Unfassbare passiert: Die 16-jährige Luca Reich hat eine Lehrerin und eine Mitschülerin erschossen. Ein Jahr nach der Tat beginnt der Prozess gegen die Schülerin, die jedoch die Aussage verweigert. Während ihrem Vater Jürgen eine Anklage wegen fahrlässiger Tötung droht - die Schüsse feuerte Luca aus seinem Jagdgewehr ab - ringt Lucas Mutter Katharina um Zugang zu den feindseligen Nachbarn, dem hilflosen Ehemann und vor allem zu ihrer Tochter. Der Prozess ihrer Tochter, in dem sie auf Anraten ihres Anwalts und ihres Ehemannes eine Falschaussage über die Schlüssel zum Waffenschrank ablegen soll, konfrontiert sie erneut mit dem Hass jener, die sie als Mutter für die Tat mitverantwortlich machen.

Der schmerzliche Gedanke, dass sie ihre Tochter auf falsche Weise geliebt hat, sie vernachlässigt hat, nagt an ihr und sie verliert sich mehr und mehr in ihrem Schmerz. Auch Lucas bester Freund Julius, der seit der Tat zum Klassenaußenseiter geworden ist, macht sich große Vorwürfe. Wieder und wieder geht er die Videos durch, die er von Luca gemacht hat, und sucht nach Hinweisen. Dabei isoliert er sich immer mehr, die Fronten zwischen ihm und den anderen verhärten sich. Bald kreuzen sich jedoch die Wege von Julius und Katharina und es scheint, dass sie sich in ihrer Trauer unterstützen können.

Auch dem Ehemann der erschossenen Lehrerin, Klaus Nagel, ist seit dem Tod seiner Frau der Alltag entglitten. So kümmert sich seine Tochter Nadine um den kleinen Andreas, der einfach nicht verstehen kann, dass seine Mutter nicht zurückkehren wird. Dennoch gibt Nadine die Verantwortung, die sie für ihren Bruder übernehmen muss, die Kraft weiterzumachen. Zurück in der Schule fühlt sie sich als Außenseiterin. "Warum hat Luca das gemacht?" Diese verstörende Frage lässt schließlich auch Nadine und Julius einander näherkommen ...

Aelrun Goettes Film "Ein Jahr nach morgen" beginnt dort, wo die Schlagzeilen enden. Die Wunden, die die Tat der Schülerin Luca hinterlässt, sind tief. Doch wie können die Angehörigen nach dem Ungeheuerlichen weitermachen? "Ein Jahr nach morgen" nähert sich dieser Frage aus einer eher ungewöhnlichen Perspektive. Der Film erzählt vor allem die tragische Geschichte der Angehörigen der Täterin: eine Mutter, die den Zugang zu ihrer Tochter schon lange verloren hatte, und ein junger Mann, dem bewusst wird, dass er den Hass und die Verzweiflung seiner besten Freundin nicht ernst genug genommen hat. Ihre Gefühle zwingen jedoch sowohl die Mutter als auch Julius zu einer Flucht nach innen, denn die Gemeinschaft, die Mitschüler, die Nachbarn haben nur Hass für die Täterin übrig; und jeder Versuch einer empathischen Auseinandersetzung mit den unklaren Motiven der Schülerin wird vehement abgelehnt.

Der Film ist eine Bestandsaufnahme menschlicher Beziehungen im Ausnahmezustand. Er erzählt "von der Sehnsucht nach Nähe und der Unfähigkeit, sie zu leben. Eine Innenansicht aus Deutschlands Mitte." Es geht um die vielen Facetten der Fassungslosigkeit. Um Angst vor Resignation. Um die Suche nach Kommunikation, nach Verbindung - in der Liebe, in der Ehe, in der Familie, an der Schule und zwischen den Generationen.

Aelrun Goette, die sowohl Regie führte als auch das Drehbuch zum Film verfasste, wurde 1966 in Ost-Berlin geboren. Nach der zehnten Klasse begann sie zunächst eine Ausbildung als Krankenschwester, woraufhin sie unter anderem in der Psychiatrie tätig war. Nach der Wende holte Goette dann das Abitur nach und nahm im Anschluss daran ein Studium auf - zunächst Philosophie, danach Regie an der Filmhochschule Babelsberg. In ihren Filmen thematisiert die vielfach preisgekrönte Regisseurin das Leben in und mit psychischen Ausnahmesituationen; meist sind ihre Hauptfiguren Frauen.

Ihr erster abendfüllender Spielfilm, die Familientragödie "Unter dem Eis" (2005) wurde im Jahr 2007 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Für ihren Dokumentarfilm "Die Kinder sind tot" (2003), der vom Schicksal einer Mutter, die ihre beiden Kinder umbrachte, berichtet, bekam sie 2004 den Deutschen Filmpreis in der Kategorie "Bester Dokumentarfilm" sowie den Baden Württembergischen Dokumentarfilmpreis. Neben "Ein Jahr nach morgen" (2012) zählen der Fernsehfilm "Keine Angst" (2009) und die "Unter Verdacht"-Folge "Die elegante Lösung" (2011) zu ihren jüngsten Arbeiten.

Freitag, 21.09.12
20:15 - 21:45 (90 Min.)
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