15.08.2013
13:25 Uhr
Colossi of Love Dokumentation Frankreich / Griechenland 2010 - Thema: Griechenland | arte

Das waren noch Zeiten, als feine Sandstrände und mediterranes Flair die ersten Urlauberströme nach Hellas lockten und junge griechische "Kamaki" - das Gegenstück zum italienischen Papagallo - in gewaltigen Schlaghosen und mit glänzenden Goldkettchen auf der nackten Brust angeheiterte skandinavische Blondinen anbaggerten. Angesichts der Fülle des Angebots setzte der griechische Charmeur seinen gesamten Ehrgeiz ein, um möglichst viele der begehrten Trophäen zu sammeln, waren doch voreheliche Beziehungen bis dahin strengstens verpönt. Ein rasanter Wandel der Sitten sollte aber auch hier nicht lange auf sich warten lassen.

Um die Mitte der 70er Jahre, kaum ist die dunkle Zeit der Militärjunta vorbei, explodiert in Griechenland der Tourismus. In diesem Kontext tritt der "Kamaki" (wörtlich: "Harpune") auf den Plan. Der griechische Macho erscheint gezielt an den Orten mit den meisten Touristinnen. In einfachen Verhältnissen oder auf dem Lande aufgewachsen folgt der Kamaki einem raffinierten Kleidungskodex, der sich an der damaligen Disco-Mode orientiert. Sein rudimentäres Englisch setzt er geschickt und äußerst selbstbewusst bei seiner Verführungsstrategie ein. Gerne prahlt er mit seinen zahlreichen ausländischen Eroberungen.

Die Kamakis empfinden untereinander ein starkes Solidaritätsgefühl und unterwerfen sich einem gewissen Ehrenkodex. In der Hafenstadt Nafplion auf dem Peloponnes unterhielten sie sogar ein eigenes Syndikat. Während der 80er Jahre zieht es die Kamakis mit aller Macht nach Rhodos. Die Insel steht als Urlaubsziel bei skandinavischen, holländischen und deutschen Touristinnen ganz hoch im Kurs. Einheimische und Touristinnen treffen sich zumeist in den Diskotheken. Dort produzieren sich die Kamakis bevorzugt auf der Tanzfläche. Deswegen spielen Disco-Musik und -Ambiente auch eine zentrale Rolle in der Dokumentation von Nikos Mistriotis.

Das Kamaki-Phänomen schwappt über die Inseln Kreta, Mykonos, Kos und Rhodos und hält sich dort zwei Jahrzehnte lang. In den 80er Jahren erlebt das Klischee des griechischen Don Juan seine Sternstunde in den Medien, es liefert den Stoff für Filme wie "Summer Lovers" (1982) oder "Shirley Valentine - Auf Wiedersehen, mein lieber Mann" (1989).

Viele Urlauberinnen waren auf der Suche nach dem perfekten Lover, der ihre Sommerfantasien erfüllen sollte. Aber erstaunlicherweise gingen gerade auf der Insel Rhodos aus heißen Sommerflirts Tausende von binationalen Ehen hervor. Das führte wiederum zur Gründung der ersten internationalen Schule Griechenlands.

Der griechische Filmemacher Nikos Mistriotis stellt in seiner Dokumentation einige ehemalige "Kamaki" vor und erzählt, was aus ihnen geworden ist und wie sie heute leben.

  • Thementag: Griechenland

Die wirtschaftliche, politische und gesellschaftliche Krise Griechenlands ist seit Jahren in den Medien präsent. Aber nicht die Ursachen des wirtschaftlichen Niedergangs will der Griechenland-Thementag in den Mittelpunkt rücken, sondern den Alltag der Menschen in einem stark gebeutelten Land. In zahlreichen Dokumentationen kommen Bewohner ganz unterschiedlicher Regionen - aus den Städten ebenso wie vom Land und von den zahlreichen Inseln - zu Wort. Sie erzählen offen und ehrlich sowohl von ihren Niederlagen als auch von ihren Träumen und der Suche nach neuen Perspektiven.

Seit vier Jahren kämpft Griechenland nun schon mit der Krise. Doch allmählich und fast unmerklich beginnen sich, die Gewohnheiten zu ändern: Überall im Land wird mit kühnen Initiativen versucht, die schlimmsten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Auswirkungen aufzufangen. Trotz oder gerade wegen der Krise zeichnen sich dabei neue Zukunftsperspektiven ab. Weil seit 2009 in Untersuchungen und Statistiken bereits viel über die Ursachen der Krise Griechenlands berichtet wurde, macht sie ARTE nicht noch einmal explizit zum Thema.

Der Thementag unternimmt vielmehr eine Reise in dieses gebeutelte Land, bei der die Griechen selbst zu Wort kommen, um ihre Träume und Projekte vorzustellen. Er begleitet sie in ihre Familien, in die Stadt, aufs Land und auf die Inseln und fühlt den Puls dieses Landes, das nach einem brutalen Schlag nun wieder neuen Mut fasst. Die packenden Dokumentationen setzen sich mit verschiedenen Facetten der aktuellen Lebensbedingungen in Griechenland auseinander und zeigen, dass auch die Griechen nach den tiefer liegenden Gründen der Krise forschen, aus der sie heute mit Mut, Entschlossenheit und Fantasie einen Ausweg suchen. Eines ist gewiss: Nichts wird mehr wie früher sein. Außerdem geht der Griechenland-Tag auch auf die antike Zivilisation ein, die Wiege Europas, und entdeckt das Land der unvergleichlichen Inseln und Gebirge mit seinen vielfältigen Traditionen wieder neu. Denn nach wie vor ist Griechenland eines der beliebtesten Reiseziele der Welt.

Der ARTE-Griechenland-Tag wartet mit 17 Dokumentationen und zwei Filmen auf, darunter sind zehn Erstausstrahlungen. Die meisten Beiträge wurden von griechischen Filmemachern geschrieben und gedreht und von dortigen Produktionsunternehmen mit Unterstützung von ARTE und seinem internationalen Partner, dem griechischen öffentlich-rechtlichen Fernsehsender ERT, koproduziert, der überraschend zum 11. Juni dieses Jahres sein Programm einstellen musste, um nach einer drastischen Reduzierung der Belegschaft in absehbarer Zeit neu zu starten.

Das ambitionierte Vorhaben der Filmemacher gab ihnen die Möglichkeit, den Zuschauern aus authentischer Perspektive Einblicke in das neue Griechenland nahe zu bringen. Denn das Land hat sich zu einem regelrechten Labor entwickelt, in dem sich derzeit viele Veränderungen vollziehen. Dabei wird die Zukunft Griechenlands entworfen und gleichzeitig ein neues Kapitel europäischer Geschichte geschrieben. Durch das Programm des Tages führt vor Ort die griechische Journalistin Dimitra Kouzi.

Donnerstag, 15.08.13
13:25 - 14:20 (55 Min.)
Stereo HD-TV